Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Katholische Kirche Juden 
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kirchliche Tradition hatte man keinen Sinn mehr. Nachdem man zehn 
Jahre lang den 18. Oktober durch Dankgottesdienst gefeiert hatte, wurde 
diese Feier 1824 abgeschafft und der Tag der Besreiungsschlacht geriet 
in Vergessenheit. Auch das 300 jährige Jubiläum der Homberger Sy 
node wurde nur in Homberg selbst gefeiert, des Fubeltags der Über 
reichung der Augsbtirgischen Konfession kaum gedacht, aber gewiß nicht 
aus Schonung gegen die katholischen Mitbürger. 
Die Verhältnisse der katholischen Kirche in Kurhessen erfuhren 
eine neue Regelung durch den Abschluß der langen Verhandlungen mit 
dem päpstlichen Stuhle, infolgederen alle Katholiken Kurhessens dem 
neu zti errichtenden Bistum Fulda unterstellt wurden, das zur Ober- 
rheinischen Kirchenprovinz des Erzbischofs von Freiburg gehörig, auch 
einige weimarische Pfarreien umfaßte. 26 Fahre waren seit der Säku 
larisation, 14 Fahre seit dem Tode des letzten Fürstbischofs Adalbert 
von Harstall verflossen, als Johann Adam Rieger, eines Bäckers 
Sohn aus Orb, den Bischofsstuhl des heiligen Sturm einnahni. Er 
war vor langen Fahren Hofkaplan des Landgrafen Friedrichs II. ge 
wesen und seitdem als katholischer Geistlicher in Cassel geblieben. Vom 
Kurfürsten 1828 zum Bischof designiert, von Leo XII. präkonisiert, 
konnte der neue Bischof erst nach langen Formalitätsverhandlungen am 
21. September 1829 sein Amt antreten, wenige Tage vor dem Einzug 
der Kurfürstin Auguste in Fulda. 
Die durch die Verordnung von 1816 begonnene Emanzipation der 
Juden (S. 108) machte weitere Fortschritte, obwohl Wilhelm II. keines 
wegs ein besonderer Freund der Juden war *). Für jede Provinz wurde 
1823 ein judenschastliches Vorsteheramt errichtet, das zusammen mit 
dem Landrabbinat über Aufsicht und Verbesserung der korporativen 
und Religionsverhältnisse der Juden zu wachen hatte. Seit 1824 durften 
die Juden eigene Schulen errichten, wenn sie nicht vorzogen, ihre Kinder 
in die Schulen der Christen zu schicken. Die jüdische Eidesformel wurde 
neu geregelt mit Beseitigung des alten kränkenden Zeremoniells. Der 
eifrigste Fürsprecher der Judenemanzipation, Dr. Jacob Pinhas, der, 
') Ais ihn: sein Generaladjutant Müldner einen 1830 in Hanau gedruckten 
„Klageruf der Israeliten in Kurhessen" übersandte, in dem die Vorteile einer völlig 
durchgeführten Emanzipation ausgemalt waren, da versah er dies Echriftchen mit 
recht sarkastischen Randbemerkungen und schrieb darunter: „Timeo Danaos et don« 
ferentes. Lassen wir sie, was und wo sie sind, denke, wir haben an dem einen, 
den He ien feist geniacht hat, genug." Dabei konnte er aber auch ohne diesen 
einen (Rothschild) nicht fertig werden und nahm seine finanzielle Hilfe öfters in 
Anspruch. 
Losch. Geschichte deS Kurfürstentum» Hessen. 
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