Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Universitätsjubiläum 1827 Kirchliches Leben 
dankbarer Anerkennung der Fürsorge des Fürsten, „dem Künste und 
Wissenschaften so teuer sind", konnte sich der Festredner, Professor 
Wagner, nicht versagen, mit schmerzlicher Resignation die bescheidene 
Entwicklung Marburgs mit der des viel jüngern Göttingens zu ver 
gleichen. Zahlreiche Ehrenpromotionen hatte die Feier im Gefolge. 
Darunter fiel durch ihre Eigenart die Ernenitung Spohrs zum Doktor der 
Musik lind die erste weibliche Doktorpromotion auf, die der Witwe des 
Leidener Philologen Wyttenbach, einer geborenen Hanauerin, zuteil 
wurde. Die akademischen Gesetze, die übrigens anderswo nicht milder 
waren, wurden namentlich seit der Drohbriefangelegenheit, als man 
allerorten staatsgefährliche Verbindungen witterte, streng gehandhabt. 
Fm übrigen kümmerte sich die Regierung Wilhelms II. nicht allzuviel 
um die Universität noch um das übrige Bildungswesen, das sowohl an 
den Gymnasien wie an den Volksschulen recht im Argen lag. Rur in 
Niederhessen hatte die Berufung des ausgezeichneten Thüringer Schul 
mannes August Vogt an das Schullehrerseminar zu Cassel eine unver 
kennbare Hebung des Volksschulwesens zur Folge. 
Fm kirchlichen Leben Hessens herrschte wie anderswo noch 
immer der Rationalismus in seiner ödesten Gestalt verbunden mit völliger 
Gleichgültigkeit gegenüber allen rein kirchlichen Fragen. Auf den Kanzeln 
predigte man über die Schönheit des Mondes, über die Tonkunst, über 
das Wetter und ähnliche Dinge. Einer der ersten Geistlichen des Landes, 
der spätere Casseler Generalsuperintendent Ernst x ), scheute sich nicht, die 
Lehre von Christi Opfertod als eine „Metzgertheorie" zu brandmarken. 
Die Vernunft war die höchste Göttin, die Tugend das einzige Fdeal. 
Es war weniger Toleranz als Gleichgültigkeit, wenn durch Ministerial- 
edikt vom 18. August 1823 jedem Achtzehnjährigen freigestellt wurde, 
welcher evangelischen Konfession er angehören wolle. Verwaltungsfragen 
standen obenan, wie denn auch die durch das Organisationsedikt neu 
geschaffenen drei Konsistorien reine Provinzialverwaltungsbehörden waren 
ohne konfessionellen Charakter. Die stellenweise recht liederliche Führung 
der Kirchenbücher wurde 1829 einheitlich und zweckmäßig geregelt. Für 
y Bei der Konfirmation der ältesten Tochter der Reichenbach hielt er auf 
Wilhelmshöhe eine Predigt mit geschmacklosen Komplimenten für die „erlauchten" 
und „erhabenen" Eltern. Eine wörtliche Aufforderung, deren „Tugendbeispiel" 
nachzuahmen, wie Friedrich Müller (Cassel I, 184) behauptet, ist jedoch in der ge 
druckten Predigt nicht zu finden. Die Konfirmandin war die spätere Gräfin Louise 
Bose (1818—83), die durch ihre großartigen Stiftungen in Hessen zum Teil 
wenigstens das gutzumachen suchte, was ihre Mutter an dem Lande gesündigt hat.
	        

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