Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Wilhelm II. und der Kurprinz 
komplizierten Krafftschen Organismus, nicht zum Schaden der dadurch 
vereinfachten Verwaltung, und man kehrte mehr und mehr „zu den 
früheren, von dem hochseligen Kurfürsten durch lange Erfahrungen be 
währten Einrichtungen" zurück, wie Hänlein berichtete, der den „Feind 
des Adels und wahren Jakobiner" Krafft nicht leiden konnte. 
Seit 1826 lebte der Kurprinz wieder in Cassel. Von Marburg 
aus hatte er verschiedene Reisen gemacht, war aber immer nur vorüber 
gehend zu Festlichkeiten, Paraden und Manövern in der Hauptstadt er 
schienen. Unter anderm nahm er an dem großen Herbstmanöver teil, 
das Wilhelm II. zu Ehren des wieder mit ihm ausgesöhnten Herzogs 
von Cambridge im September und Oktober 1824 abhielt, wobei zum 
ersten Male seit langer Zeit das ganze hessische Truppenkorps in der 
Nähe von Cassel zusammengezogen war. Der Kurfürst hatte seinen Sohn 
kurz vorher zum Obersten und Chef des 1. Linieninfanterieregiments 
ernannt, das seitdem wieder den Namen eines Inhabers führte. Auch 
das 2. Husarenregiment trug seit 1825 die Bezeichnung „Herzog von 
Meiningen", nachdein der Schwiegersohn des Kurfürsten sein Chef ge 
worden war. Das Verhältnis zivischen Wilhelm II. und seinem Sohn 
hatte sich noch nicht gebessert. Fn der unglücklichen Drohbriefaffäre 
hatte auch der Name Radoivitz eine nicht unbedeutende Rolle ge 
spielt. Es gab viele, die den vertrauten Freund des Kurprinzen für den 
Verfasser oder wenigstens mittelbaren Urheber des ersten Drohbriefes 
hielten. Jedenfalls konnte der Kurfürst den Verdacht nicht los iverden, 
daß die giftigen Pfeile, deren Absender nie entdeckt wurden, aus dem 
Lager stammten, das in der Bellevue und in Augustenruhe sein Haupt 
quartier hatte. Bestärkt wurde er in diesem Verdacht durch Ausreden 
Mangers, der in der Untersuchungshaft mehrfach angedeutet hatte, seine 
Nachforschungen hätten vor gewissen, zu hochstehenden Kreisen Halt 
inachen müssen. Dennoch war gerade in der letzten Zeit das Verhältnis 
zwischen den Gatten erträglich gewesen. Man hatte mit Genugtuung 
gehört, daß der Kurfürst seine Gemahlin am Weihnachtsabend 1825 
freundschaftlich besuchte und reich beschenkte. Die Kurfürstin war in der 
letzten Zeit viel auf Reisen gewesen, und es fiel darum nicht weiter auf, 
als sie im August 1826 mit ihrer Tochter Caroline wieder mal nach 
dem Haag fuhr, um ihrer Schwester, der Königin der Niederlande, einen 
Gegenbesuch zu machen. Der Kurprinz sollte sie eigentlich begleiten: 
seine Mutter hätte ihn gern als Gemahl ihrer Nichte Marianne gesehen, 
doch der Kurfürst, der schon einen Heiratsplan seines Sohnes durch 
kreuzt hatte, wünschte ihn bei sich zu behalten und mit ihm eine größere
	        

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