Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Hofleben Verbannung des Landgrafen Friedrich 1821 
Die Drohbriefangelegenheit mit ihren unerfreulichen Nebenerschei 
nungen hatte das ganze öffentliche Leben in Hessen vergiftet. Jahre 
lang lastete der Polizeidruck und das allgemeine Mißtrauen wie ein 
Alp auf dem ganzen Lande. Die hessischen Freimaurer, die von 
Wilhelm I. seinem Bruder Carl zuliebe begünstigt worden waren, trotz 
dem ihm ihre Geheimbündelei eigentlich wenig zusagte, schlossen freiwillig 
ihre Logen, um einem drohenden Verbote zuvorzukommenDabei hatten 
fast alle höheren Beamten, Minister, Generale und Hofchargen zu ihnen 
gehört. „Es war, als ob sich ein zerstörender Nachtfrost über die Ge 
sellschaft ausbreitete, nur die völlig Unabhängigen blieben von Unan 
nehmlichkeiten, die den minder Sichergestellten bereitet wurden, unberührt, 
aber sie standen auch wie alle, die sich nicht beugen wollten, isoliert. 
Ein kleinliches, gehässiges Zutragen über Tun und Lassen der Familie 
kam auf und drang wie ein schneidender Ostwind in das Innere der 
Häuser" (Ruhl). 
Der Hof Wilhelms II. hatte wenig Verkehr mit Standesgenossen. 
Solange der alte Kurfürst lebte, war trotz seiner sparsamen Hofhaltung 
oft Besuch von auswärtigen Fürstlichkeiten in Cassel gewesen. Das 
änderte sich unter seinem Sohn, der ungeschickt im Verkehr mit Gästen 
öfters Verstöße gegen die Etikette beging und außerdem durch sein offen 
kundiges Verhältnis zur Reichenbach Anstoß erregte. In ungezogener 
Weise behandelte er seinen Oheim, den alten Landgrafen Friedrich, mit 
dem er von früherher um Rangstreitigkeiten willen auf gespanntem Fuße 
stand. Die ganze landgräfliche Familie wurde von Cassel verbannt und 
dadurch ihre einflußreiche Verwandtschaft, besonders der Herzog von 
Cambridge in Hannover, vor den Kopf gestoßen. Trotzdem kam 
König Georg IV. von England am 1. November 1821 durch Cassels, 
wo die Stille des Großen Bettags durch Kanonendonner und Hurra 
geschrei unterbrochen wurde, blieb aber nur zu einem „copieu8en Früh 
stück", wie es der Kurfürst liebte, in der Bellevue. Nach dem Tode der 
Landgräfin Friedrich kam es im Sommer 1824 zu einer Aussöhnung, als 
der 75 jährige Landgraf um des lieben Friedens willen sich dazu ver 
stand, der Gräfin Reichenbach seine Aufwartung zu machen. 
Um die älteste Tochter Wilhelms II. Caroline warb der Fürst 
von Waldeck, ohne Erhörung zu finden. Sie blieb unvermählt. Da 
gegen verlobte sich ihre Schwester Marie im Herbst 1824 zur allge- 
') Die Casseler Freimaurer trafen sich seitdeni im „Abendverein", der die 
Fortsetzung der Loge bildete. 
’) Am selben Tag war auch Metternich in Cassel.
	        

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