Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Wilhelm II. gegen die Fronde Der erste Drohbrief 1823 
133 
weigerte, bei der Gräfin zu erscheinen. Dem Prinzen wurde nun der 
alte General v. Ochs als militärischer Begleiter zuerteilt, dessen Lorbeeren 
aus vielen Kriegen sein diplomatisches Ungeschick in dieser heikeln An 
gelegenheit nicht zu bedecken vermochten. Seine Berichte über den 
Prinzen, den er im Frühjahr 1823 nach Berlin begleitete, haben jeden 
falls nur dazu beigetragen, öl ins Feuer zu gießen. Die Erbitterung 
des Kurfürsteil und sein Mißtrauen gegen die eigene Familie wuchs 
noch mehr, als ihm zu Ohren kam, daß die Partei der Kurfürstin die 
Absicht habe, ihn vom Thron zu stoßen und den Kurprinzen unter 
der Regentschaft seiner Mutter darauf zu erheben. So unwahrscheinlich 
das auch klang, der leicht erregbare Fürst glaubte daran, und eines 
Tages, am 13. Juni 1823, erlebten die Casselaner das aufseheilerregende 
Schauspiel, wie der Kurfürst im schärfsten Galopp von Wilhelmshöhe 
nach Cassel sprengte, auf dem Friedrichsplatz durch Alarmschlagen die 
ganze Garnison versammeln und einen Parolebefehl verleseil ließ, durch 
den vier Offiziere, anerkannte Anhänger der Kurfürstin, darunter 
Radowitz, in entferntere Garnisonen verwiesen wurden. Schon einige 
Tage vorher war der Kurprinz nach Marburg verbannt worden. Sein 
Mentor Radowitz verließ kurz darauf ohne formellen Abschied sein 
Adoptivvaterland und ging nach Preußen, wo seiner eine glänzende und 
bedeutende Laufbahn harrte. 
Das rigorose Vorgehen Wilhelms II. gegen seinen Sohn und 
die vier Offiziere erregte im ganzen Lande großes Aufsehen. Aber es 
sollten noch aufregendere Tage folgen. Am 15. Juni reiste der Kurfürst 
mit der Gräfin und großem Gefolge nach der Grafschaft Schaumburg, 
um in Nenndorf die Kur zu gebrauchen. Es war sein erster Besuch 
in der Grafschaft seit seinem Regierungsantritt, und der herzliche Empfang 
seitens ihrer Bewohner tat dem Landesherrn ersichtlich wohl. Da wurde 
ihm am 24. Funi wenige Tage nach seiner Ankunft in Nenndorf ein 
von Cassel angekommener anonymer Brief überreicht, der wie ein 
Blitz aus heiterem Himmel in das festliche Leben der Hofgesellschaft 
einschlug. „Kurfürst! Das Maß Deiner Gräuel ist voll bis zum 
Rande. Hundert Jünglinge eines Sinnes und eines Herzens haben 
sich auf Leben und Tod vereinigt zu Deinem Untergange", so schrieb 
„Freimut, im Namen des Rächerbundes" und drohte den Fürsten samt 
der Gräfin zu ermorden, wenn er nicht dem Lande eine volkstümliche 
Verfassung gäbe, dem Einfluß der Reichenbach ein Ziel setze und seine 
(im Zorn oft geprügelte) Dienerschaft besser behandele. Es gehört 
die Kenntnis des kurfürstlichen Charakters und der ganzen zeitgenössischen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.