Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Radowig und die Schönfelder Fronde 
geheimnisvollen Giftattentat als Graf von Steinau eine Reife durch die 
Schweiz gemacht hatte, nach seiner Rückkehr nicht gewillt war, für 
seine Person den unglücklichen Vertrag seiner Mutter anzuerkennen. 
Er hatte geschworen, das Haus der Reichenbach nicht zu betreten, und 
ließ sich auch nicht durch willfährtige Casseler Theologen von der Un 
statthaftigkeit dieses Gelübdes überzeugen. In seiner Opposition wurde 
er besonders bestärkt durch den vertrauten Umgang mit seinem militärischen 
Lehrer, dem Hauptmann v. Radowitz. Dieser geniale Offizier, ein 
geborener Blankenburger aus ungarischem Geschlecht, war zu westfälischer 
Zeit nach Hessen gekommen, hatte im Heere Zeromes sich ausgezeichnet 
und trotzdem auch nach der Rückkehr des Kurfürsten dessen volle An 
erkennung sich zu erwerben gewußt, so daß er schon mit 19 Jahren 
zum ersten Lehrer der mathematischen und militärischen Wissenschaften 
am Kadettenkorps ernannt wurde. Seit 1821 war er Hauptmann im 
Generalstab und Mitglied der militärischen Süidienkommission. Auch 
die anfängliche Gunst Wilhelms II. konnte den strengen Christen und 
überzeugten Katholiken nicht hindern, das ehebrecherische Verhältnis des 
Kurfürsten zu der „Berliner Metze" scharf zu verurteilen. Radowitz 
war einer der wenigen, die nie die Schwelle der Reichenbach überschritten, 
und wurde allmählich das anerkannte Haupt der Fronde gegen die 
mächtige Favoritin. Zu dieser Fronde gehörten außer einigen Offizieren 
namentlich Mitglieder der hessischen Ritterschaft, die sich, abgesehen von 
ihrem Unwillen über das Reichenbachsche Regiment, durch den Kurfürsten 
in ihren alten Rechten nicht ohne Grund gekränkt fühlten. Durch Ver 
ordnung vom 24. April 1822 hatte Wilhelm II. die Satzungen der 
Ritterschaft willkürlich geändert, für die Aufnahme in das Fräuleinstift 
zu Obernkirchen die Ahnenprobe abgeschafft und die Einkünfte der 
ritterschaftlichen Stifter Kaufungen und Wetter auch Nichtmitgliedern 
des alten hessischen Adels zugewendet. So reformbedürftig die aus 
Landgraf Philipps Tagen stammenden alten Bestimmungen auch sein 
mochten, so mußte ihre traditionswidrige einseitige Abänderung doch den 
Adel empfindlich verletzen und ihn in das Lager der Opposition treiben. 
Als ihr Hauptquartier galt der neue Sommersitz der Kurfürstin Schön- 
feld-Augustenruhe, wo Auguste in ihren häufigen Gartengesellschaften 
außer ihren Kindern nur solche Glieder des Hofs und des Offizierskorps 
um sich sah, die aus ihrer Feindschaft gegen die Reichenbach keinen 
Hehl machten. Der Kurfürst war äußerst aufgebracht über diese Fronde, 
und es kam zu heftigen Szenen, als der Sohn dem Rat und den 
Weisungen seines Mentors folgend, mit Berufung auf seinen Eid sich
	        

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