Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

130 
Entführung der Herzogin von Bernburg 1821 Hänlein 
bringen zn wollen. So absurd dieser Gedanke auch sein mochte, da nach 
dein Hausgesetz ja der nächstberechtigte Thronerbe, der Oheim des Kur» 
fürsten Landgraf Carl und seine Söhne, an die Stelle des Gemordeten 
getreten wären, so ließ das Publikum doch nicht von seiner Ansicht, und 
der Haß des Volkes gegen die Reichenbach fand neue Nahrung. Jeden 
falls blieb der schreckliche Vorfall unaufgeklärt und warf einen trüben 
Schatten auf das Gemüt des jugendlichen Prinzen, der den unheinilichen 
Verdacht eines gegen ihn gerichteten Mordanschlags nicht wieder los 
werden konnte. 
Bei seinem Regierungsantritt hatte der Kurfürst dem preußischen 
Geschäftsträger versichert, er sei entschlossen, „Gut und Blut für Preußen 
zu lassen", und der Einfluß der Reichenbach, die „ihr Vaterland 
Preußen außerordentlich hoch hielt" und demgemäß die prussophilen 
Neigungen Wilhelms, die sich auf allen Gebieten zeigten, unterstützte, 
wurde deshalb in Berlin in dieser Hinsicht nicht so ganz ungern gesehen. 
„2m ganzen genommen ist sie eine gute und bescheidene Frau", meinte 
der preußische Gesandte. Doch konnte nicht ausbleiben, daß der kur 
fürstliche Ehezwist die Beziehungen Wilhelms II. zu dem Berliner Hofe 
trübte. Noch ein anderer Umstand hatte gerade damals eine Spannung 
zwischen Cassel und Berlin und sogar einen zeitweisen Abbruch der 
geschäftlichen Beziehungen zwischen beiden Höfen verursacht. Die 
Schwester des Kurfürsten, die geisteskranke Herzogin von Bernburg 
(vgl. oben S. 117), hatte kurze Zeit in Bonn gelebt, dort aber durch 
ihr exaltiertes Benehmen unliebsames Aufsehen erregt, so daß der Kur 
fürst im Einverständnis mit dem preußischen Hofe ihre Rückkehr nach 
Hanau anordnete. Da die Herzogin sich weigerte, so sah sich der mit 
der Durchführung des kurfürstlichen Befehls betraute General v. Dalwigk 
veranlaßt, sie am 22. Dezember 1821 heimlich von Bonn nach Hanaus 
zu entführen. Der infolge dieser von Wilhelm II. selbst nicht gebilligten 
Zwangsmaßregel sich entspinnende diplomatische Notenwechsel wegen 
angeblicher Verletzung des preußischen Gebietes führte schließlich zur 
Abberufung des preußischen Gesandten von Cassel. Seit 1819 war 
Ludwig v. Hänlein als direkter Nachfolger seines Vaters preußischer 
Geschäftsträger in Cassel. (Nach den allen Lakaienklatsch gewissenhaft 
buchenden Berichten 2) dieses Herrn, den sein Vorgesetzter, der preußische 
’) Die Herzogin starb hier in völliger Geisteskrankheit am 17. April 1839. 
*) Charakteristisch ist seine Versicherung: „Alles, was ich sage, ist meine und 
«»derer rechtlicher Leute feste Überzeugung", oder: „Da viele Große hier daran glauben.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.