Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Gräfin Neichenbach 
der Schwiegertochter Partei ergreifen können. Sein Hauptbestreben, die 
inehrmals drohende offizielle Scheidung zu verhindern, war gelungen, 
mehr konnte er nicht erreichen, zumal fein eigenes Ehebeispiel die Kraft 
seiner väterlichen Mahnungen schwächen mußte. So konnte er auch 
dem Sohne keine Vorwürfe machen, als dieser gleich ihm das heiß 
entbehrte Familienglück in einer freien Verbindung suchte und zum 
namenlosen Unglück für seine Familie und das ganze hessische Land 
in Emilie Ort läpp *), der späteren Gräfin Reichenbach, fand. 
Die schöne Goldschmiedstocher, die der damalige Kurprinz im Exil 
in der Berliner Kurstraße kennen gelernt hatte, war keine gewöhnliche 
Dirne, wie ihre Hasser sie nannten, hatte vielmehr viele Gaben einer 
tüchtigen Hausfrau, die imstande war, einem Manne eine behagliche 
Häuslichkeit zu verschaffen und seine Launen willig zu ertragen. Das 
aber hatte dem Kurfürsten gefehlt und darum hing er mit unerschütter- 
licher Liebe an der schönen Frau, die ihm viele Kinder schenkte und 
mit zäher Klugheit und Beharrlichkeit ihre anfangs recht zweifelhafte 
Stellung zn befestigen und zu behaupten verstand. Seit 1815 von der 
legitimen Gattin getrennt lebend, betrachtete Wilhelm II. seine Beziehungen 
zu der Geliebten als ein Verhältnis ganz eigener Art, als eine sog. 
Gewissensehe, die ihn von Seitensprüngen, ivie sie sich andere Fürsten 
oft erlaubten, fernhielt. Er maßte sich deshalb sogar das Recht an, 
über sittenlose Standesgenossen und ihre galanten Verhältnisse das aller- 
schärfste Urteil zu fällen, und wenn man von diesem einen dunkeln Punkte 
absah, konnte man dem Kurfürsten und seinem Hofe auch keine be 
sondere Sittenlosigkeit vorwerfen, wie das oft geschehen ist. Es waren 
auch weniger moralische Bedenken, wenn das Verhältnis des Kurfürsten 
zur Gräfin Reichenbach (seit dem 21. März 1821 führte Emilie 
Ortlöpp diesen Namen) allgemein scharf verurteilt wurde. Man hätte 
sich in Erinnerung an frühere Vorkommnisse die Gräfin schon gefallen 
lassen, wenn sie nicht ihren großen Einfluß auf den Kurfürsten und 
dessen Freigebigkeit in immer wachsender Herrschsucht völlig mißbraucht 
und vor allem seine rechtmäßige Gemahlin gänzlich beiseite zu schieben ge 
trachtet hätte. Unwillkürlich verglich man mit ihr die alte Gräfin Hessen 
stein, die infolge des Taktes und ihrer politischen Zurückhaltung es 
verstanden hatte, nicht nur mit allen Gliedern der Familie ihres hohen 
Gönners gut auszukommen, sondern sich auch in der Bevölkerung eine 
h Geboren 1791 zu Berlin als Tochter des Goldarbeiters Ioh. Chr. Ortlöpp, 
dessen Familie aus Gotha eingewandert war.
	        

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