Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Regierungsanfang Wilhelms II. 
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unserer Handlungen, ihre Treue und Anhänglichkeit unsere schönste 
Belohnung sein". Ein weiteres Regierungsprogramm stellte er nicht 
auf, aber in der Abschaffung der Zöpfe, die am Tage nach der Bei 
setzung Wilhelms I. fielen, glaubte man schon ein solches zu erblicken. 
Statt der Zöpfe durften sich die Hessen nunmehr eine große rotweiße 
Kokarde als „Sinnbild der zutrauensvollen Anhänglichkeit, der getreuen 
Untertanenverpflichtung und des gemeinsamen Vaterlandsverbands" an 
die Hüte stecken, eine französische Mode, die auch schon in andern 
deutschen Ländern Eingang gefunden hatte. Im Juni 1821 machte 
Wilhelm I I. seine erste Reise durch das Hessenland, traf in Hanau 
mit seiner dort weilenden Familie zusammen, besuchte mit ihr den ver 
wandten Hof von Darmstadt und kehrte mit dem Kurprinzen zusammen 
über Fulda und Hersfeld am 26. Zuni nach Cassel zurück. Überall, 
selbst in den kleinsten Orten, wurde der neue Landesherr mit Jubel 
und ungeheuchelter Freude begrüßt. Zn Marburg spannte man ihm 
die Pferde aus, und in Fulda gewann er sich die Sympathien der 
Katholiken dadurch, daß er mit seinem Sohne an dem feierlichen Fron 
leichnamshochamte teilnahm. Die Casselaner sandten ihm das städtische 
Schützenkorps entgegen, in der Unterneustadt empfingen ihn die Behörden 
mit einem Kranz weißgekleideter Jungfrauen, und eine dichtgedrängt 
jauchzende Menge folgte bem Heimkehrenden durch die für ihn erbauten 
Ehrenpforten in die festlich geschmückte Stadt. Man hatte das Gefühl, 
daß eine neue Zeit für Hessen begonnen habe, und unzählig waren die 
Wünsche und Bitten, deren Erfüllung man von dem neuen Herrscher 
erwartete. 
Kurfürst Wilhelm II. zeigte auch den besten Willen und nahm 
sich in der ersten Zeit der Regierung mit Eifer und Tätigkeit an. Man 
hatte gedacht, er, der solange von den Regierungsgeschäften ferngehalten 
war, werde nun gleich mit Reformen anfangen und alles schnell um- 
ändern. Aber ein Vierteljahr lang ließ er in der Verwaltung fast alles 
beim alten, behielt auch die meisten Räte seines Vaters bei, vor allem 
die Minister, die seit der Restauration im Amte waren. 
Obwohl Wilhelm II. im Grunde genommen keine so ausgesprochen 
soldatische Natur war wie sein Vater, so begannen seine Reformen doch 
beim Militär. Bereits am 13. April 1821 wurde eine völlige Neu 
formation der ganzen kurhessischen Armee befohlen, die unverzüglich 
durchgeführt wurde. In ihrer Stärke außerordentlich reduziert und auf den 
Bundesfuß von 7000 Mann gesetzt, bestand die Armee von nun an aus 
drei Brigaden, der Jnf.-Brigade (Leibgarderegiment, Gardejägerbataillon
	        

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