Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Charakter Wilhelms II. 
Gegensatze zum Vater keineswegs sparsamen Prinzen sowie die sich 
mehrfach wiederholenden Zerwürfnisse in seiner unglücklichen Ehe waren 
eine ständige Quelle der Sorge für den alten Herrn, den noch dazti 
die wachsende Popularität des Sohnes beunruhigte. Wie die meisten 
Thronfolger galt der Kurprinz als der Träger moderner Zdeen, auf 
den alle Unzufriedenen ihre Hoffnungen setzten, nicht zum wenigsten 
diejenigen, die unter der Kargheit des alten Fürsten litten und die 
splendide kurprinzliche Hofhaltung init der spartanischen Einfachheit 
des Regenten verglichen. Das war aber ein Grund mehr für den 
Vater, ihn von den Regierungsgeschäften eifersüchtig fernzuhalten und 
ihm keine seinem Rang und Alter entsprechende politische Stellung ein 
zuräumen. Rur auf seinen häufigen Reisen durch das Land und zu 
auswärtigen Besuchen mußte der Thronfolger den Kurfürsten begleiten, 
war aber hier wie sonst auf die Rolle des einfachen Zuschauers beschränkt 
geblieben. So geschah es nicht ohne Schuld des Vaters, daß sein Erbe 
die Regierung antrat, ohne eine auch nur einigermaßen gründliche 
Vorbereitung für sein Herrscheramt genossen zu haben. 
Von den Charaktereigenschaften seines Vaters hatte Kurfürst 
Wilhelm II. nicht viel geerbt. Sein leutseliges, zwangloses Wesen, 
verbunden mit persönlicher Liebenswürdigkeit und gewinnendem 
Äußeren, gewann ihm zwar leicht die Herzen, aber seine Gutmütigkeit 
und sein Wohlwollen arteten in Schwäche aus, die leicht mißbraucht 
werden konnte und mißbraucht wurde. Leidenschaftlich aufbrausend 
und jähzornig verlor er oft die seiner hohen Stellung gebührende Haltung 
und ließ sich zu Ungerechtigkeit hinreißen, die er zuweilen aber nicht 
immer wieder erkannte und sühnte. Zn der Auswahl seiner Diener 
unb Räte zeigte er nicht das Geschick Wilhelms I., der sich niemals 
von Günstlingen leiten, viel weniger beherrschen ließ. Mit dem Gelde 
wußte er nicht allzu sorglich umzugehen, und seine Freigiebigkeit neigte 
stellenweise zu Verschwendung. Die Baulust hatte er freilich vom Vater 
geerbt, aber ihre von ihm hinterlassenen Spuren reichen nicht an die 
Denkmale Wilhelms I. heran. Gänzlich mangelte ihm der traditionelle 
historische Sinn; das zeigte sich nicht nur in kleinen Zügen, wie in der 
pietätlosen Zerstörung der alten historischen Wachsmasken seiner Ahnen, 
sondern im Verlaufe seiner ganzen Regierungstätigkeit, die einen völligen 
Bruch mit der alten Tradition auf fast allen Gebieten bedeutete. 
Zn dem Erlaß, durch den Kurfürst Wilhelm II. dem Volke den 
Tod des Vaters und seinen eigenen Regierungsantritt verkündigte, hieß 
es: „Die Wohlfahrt und das Glück unserer Untertanen wird das Ziel
	        

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