Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Die Zöpfe Straßenbau 
formen entsprachen sonst dem damals üblichen Schnitt, nur der von dem 
Kurfürsten wieder eingeführte Zopf gab ihnen etwas Altmodisches, was 
man seit sieben Zähren nicht gesehen hatte. Die sonderbare Vorliebe 
für den Zopf gehörte nun mal zu den Schrullen des alten Herren. Der 
Zopf, den die französischen Revolutionäre verworfen hatten, war ihm 
gewissermaßen ein Symbol alter treuer Gesinnung geworden, und es 
hatte ihn seinerzeit bitter gekränkt, daß sein Sohn in der Verbannung 
sich den Zopf abschnitt und damit anfing, sich „nach der Mode unserer 
Feinde" zu kleiden. Man darf aber nicht vergessen, daß die sonderbare 
Erfindung König Friedrich Wilhelms I. von Preußen noch vor kurzer 
Zeit allgemein üblich gewesen und noch keineswegs völlig aus der Mode 
verschwunden war. Napoleons alte Kaisergarde trug auch Zöpfe, und 
von dem Landvolk der Chanipagne berichteten Feldzugsteilnehmer von 
1814/15, daß die Bauern ihre Zöpfe so in Ehren hielten, wie die Türken 
ihren Bart. Auch in Deutschland wurden noch viele Zöpfe getragen, aber 
nur in Hessen wurde die alte Mode durch die Marotte des Kurfürsten 
gewissermaßen öffentlich sanktioniert, wodurch der hessische Zopf aller 
dings eine etwas zweifelhafte Berühmtheit erhielt, zumal seit die Studenten 
ihn auf dem Wartburgfest von 1817 feierlich in effigie verbrannt hatten. 
Von den zahlreichen durch die Reduktion des Militärs überzählig 
gewordenen Offizieren fanden viele einen neuen Wirkungskreis in der 
Zwilverwaltung, in den Rentereien, im Forstwesen und namerrtlich auch 
in der Straßenbauverwaltung, für deren sehr notwendige Neu 
organisation 1819 eine umfassende Straßenbauordnung erlassen wurde. 
Eingedenk des Ausspruches seines Ahnen Philipps des Großmütigen, 
daß man einen guten Fürsten auch an der Beschaffenheit seiner Straßen 
erkennen könne, legte der Kurfürst großen Wert auf die Verbesserung 
der hessischen Verkehrswege und fühlte sich durch Kritik derselben selber 
empfindlich getroffen?) Zur Ausgestaltung des Straßennetzes gewann 
die Regierung eine hervorragende Kraft in dem bayerischen Techniker 
Fick aus Ansbach, der 1818 an die Spitze des kurhessischen Straßen- 
und Wasserbauwesens trat und eine ungemein rührige Tätigkeit ent 
faltete. Gegen die dadurch bedingte Znanspruchnahme des althergebrachten 
Landfolgedienstes sträubten sich aber stellenweise die Bauern. Zn Nieder- 
und nicht zuletzt an die von Wilhelm II. wiedereingeführten — Zöpfe der Berliner 
Schloßgardekompagnie. 
’) So mußte ein junger Mainzer Kaufmann, der in Hanau über die schlechten 
hessischen Chausseen räsoniert hatte, auf speziellen Befehl des Kurfürsten seine Un 
besonnenheit durch strenge Haft in Spangenberg bitter büßen.
	        

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