Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Militärische Veränderungen 
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sanglichem Eifer bei den Exerzitien unter den Feldhauptleuten und 
Waibeln geriet ihre Ausführung in den folgenden Friedensjahren bald 
in Vergessenheit. Die Rekrutierung des stehenden Heeres erfolgte für die 
Infanterie nach Kantonen, während die Kavallerie ihre Rekruten, soweit 
tunlich Söhne wohlhabender Eltern, die mit Pferden umzugehen wußten, 
aus allen Kantonen bezog. Das Iägerbataillon ergänzte sich, wie seit 
Landgraf Wilhelms V. Zeiten, aus gelernten Jägern und Försters 
söhnen. Die Verordnung über die Militärpflicht vom 17. September 1816 
enthielt zahlreiche Ausnahmebestimmungen für einzelne Bevölkerungs 
klassen, deren Söhne vom Militärdienst frei blieben, weil der außer 
ordentlich verringerte Friedensetat des Heeres ihrer nicht bedurfte. Betrug 
doch die ziffernmäßige Höhe des hessischen Bundeskontingents nur 5400 
Mann, die mit den Nassauern zusammen die 2. Division des IX. Bundes 
armeekorps bildeten, zu dem noch Sachsen und niederländische Luxem 
burger gehörten (vgl. oben S. 100). Infolgedessen wurde auch die Zahl 
der Regimenter entsprechend verringert, das Regiment Biesenrodt mit 
dem Gardegrenadierregiment, das Leibkürassierregiment mit der Garde 
du Corps verschmolzen und die drei Landwehrregimenter zu zweien 
vereinigt. Das kurhessische Heer zählte nunmehr nur noch zwei Garde 
regimenter, vier Linieninfanterieregimenter (Kurfürst, Kurprinz, Landgraf 
Carl, Prinz Solms), zwei Fllsilierlandwehrregimenter, ein Iägerbataillon, 
ein Artillerieregiment und an Kavallerie außer der Garde du Corps und 
den Gardehusaren zwei Regimenter (Leibdragoner und Husaren). 
Kurfürst Wilhelm erließ 1818 neue Kriegsartikel mit milderen 
Strafbestimmungen, wobei die früher allgemein übliche Stockprügelei, 
abgeschafft, für grobe Missetäter dagegen die kaum minder gefürchtete 
Lattenkammerstrafe eingeführt wurde. Ein neues Exerzierreglement 
regelte den Dienst im wesentlichen nach preußischem Muster. Auch 
die Uniformierung der Truppen lehnte sich im allgemeinen an das 
preußische Vorbild an, und es ist eine völlige Verdrehung der Wahrheit, 
wenn immer noch von einzelneil Seiten dein Kurfürsten nachgesagt «vird, 
er habe seine Truppen und sich selbst „nach Vorzeitart" oder „nach 
Uroätersitte" gekleidet. Daß die Gardetruppen zunächst die alten Uni 
formen von 1806 wieder erhielten, entsprach nicht nur der starren Re 
staurationspolitik des Kurfürsten, sondern auch dem bis in die neueste 
Zeit weit verbreiteten Brauch, fürstlichen Haustruppen in ihren Uniformen 
ein besonders konservatives Gepräge zu geben'). Die hessischen Uni- 
') Man denke nnr an die geschmacklosen und unpraktischen Blechkappen preu 
ßischer und russischer Garderegimenter, dir Bärenmützen der dänischen Grenadiere
	        

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