Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Landesreise Wilhelms I. 1816 In Fulda 
Hauptzweck sei doch nur, für Sparsamkeit im Staatshaushalt zu sorgen, 
und das besorge er schon allein — ein Argument, gegen das sich aller 
dings mit dem besten Willen nichts einwenden ließ. Die Nachrichten 
von den parlamentarischen Kämpfen in andern Staaten, namentlich in 
Württemberg, verschärften die Abneigung des Kurfürsten gegen jede Art 
von Konstitution noch mehr, so daß er schließlich das Wort Konstitution 
gar nicht mehr hören konnte. 
Nach dem Schlüsse des Landtags machte Wilhelm im Mai und 
Juni 1816 zum ersten Male wieder eine Inspektionsreise durch das 
Land, um dabei auch die neuerworbenen Landesteile kennen zu lernen. 
Die Reise ging über Hersfeld, Schmalkalden, Vacha, Fulda nach Hanau 
und von da über Marburg, Frankenberg und Ziegenhain zurück. Über 
all wurde der alte Fürst herzlich empfangen, und besonders rührten 
ihn die Zeichen alter Anhänglichkeit und des Trennungsschmerzes in 
dem an Weimar abgetretenen Vacha. Auch bei den neuen Untertanen 
des (aus diplomatischen Rangrücksichten) zu einem „Großherzogtum" 
avancierten alten Fürstentums Fulda fand der neue Landesherr eine 
begeisterte Aufnahme, deren Überschwenglichkeit bewies, welche Übung 
die guten Fulder im Empfang neuer Landesherrn in den letzten Fahren 
erworben hatten. Schon in Hünfeld sang ein geistlicher Poet: 
Wähle Buchonia dir nur unter den Fürsten in Deutschland: 
Immer ist doch der Katten Beherrscher der edelste, beste; 
Lang ersehnt von dem Volk wie von den Kindern ein Vater. 
Mehr als andre zuvor wird dieser dir sein der Geliebte. 
Aber in der Hauptstadt Fulda wurde es noch schlimmer,und 
die Geduld des alten Fürsten wurde durch manche servile Schmeiche 
leien, deren Wesen er in seinem Leben zur Genüge zu durchschauen ge 
lernt hatte, auf eine harte Probe gestellt. Übrigens kühlte sich die Be 
geisterung bald wieder ab, als die Fulder Beamten das kurfürstliche 
Sparsamkeitssl)stem an ihren verkürzten Bezügen näher kennen leritten. 
Die Reise des Kurfürsten war durch prächtiges Wetter begünstigt 
gewesen, aber nach seiner Rückkehr begann eine Regenperiode einzu 
setzen, die die Kornernte im Lande und weit darüber hinaus in Deutsch 
land fast vollständig zunichte machte. Verheerende Hagelfälle vernichteten 
l ) Ein von Treitschkc zitiertes geschmackloses Poem: „Frohlocket Fulder, 
freuet euchl Uns nahet jetzt das Himmelreich", das er für Ironie hielt, ist durch- 
au» ernst gemeint und hat nicht den Freiherrn v. Meusebach, sondern «inen Ad 
vokaten Diez zum Berfaffer, der im Jahre zuvor bereits den „tapfern Preuß" in 
ähnlicher Weise poetisch angehimmelt hatte.
	        

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