Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

Landtagsverhandlungen 1815 
95 
selb und der Regierungsrat Hassenpflug, der Vater des späteren 
Ministers. Die Verhandlungen wurden in etwas umständlicher Weise 
in Form von schriftlichen Korrespondenzen zwischen den Ständen und 
den Kommissaren geführt. Während nun der Kurfürst den Haupt 
zweck der Versammlung darin erblickte, „über die Mittel und Wege zu 
beraten, auf welche wenigst drückende Art die herkömmlich und ver 
fassungsmäßig vom Lande zu tragenden Lasten ausgerichtet werden 
könnten", hatten die Stände weitgehende Desiderien und Wünsche, die 
sich im wesentlichen um drei Punkte drehten: die Anerkennung des Steuer 
bewilligungsrechts, die Feststellung des Staatsvermögens und die Erteilung 
einer zeitgemäßen Verfassung. Das Steuerbewilligungsrecht wurde von 
der Regierung im Prinzip anerkannt, nur über seine tatsächliche Aus 
führung kam es zu keiner Einigkeit, um so mehr als bei den Ständen 
selbst sehr verschiedene Ansichten in den einzelnen Kurien zu Tage traten. 
Adel und Prälaten begehrten ihre früheren Vorrechte und verlangten Her 
stellung der alten Verfassung mit der aufgehobenen Patrimonialgerichts 
barkeit und dem für sie günstigen Steuerstistem. Bürger und Bauern 
wollten aber davon nichts wissen, daß wieder alle Lasten auf ihre 
Schultern gewälzt wurden und fanden dabei eine starke Stütze in dem 
Kurfürsten, der stets ein Herz für den gemeinen Mann gehabt hatte 
und niemals ein besonderer Adelsgönner gewesen war. Einig waren 
alle Stände nur in der berechtigten Forderung einer Feststellung des 
hessischen Staatsvermögens, stießen dabei aber auf entschiedenen Wider 
stand bei dem im Geldpunkt besonders empfindlichen Kurfürsten. Die 
freie Verfügung über die großen Bestünde der Kriegs- und Kammer 
kasse gehörte seiner Meinung nach zu seinen Hoheitsrechten, und es 
widerstrebte dem sehr ökonomisch veranlagten alten Herrn entschieden, 
andern Leuten einen Einblick in die Details seines von ihm init großer 
Liebe und Genauigkeit verwalteten Finanzwesens zu gewähren. Schließ 
lich verstand er sich dazu ein Kapital von 4580000 Taler als „Staats 
vermögen" zu bezeichnen, mährend die Stände Kriegs- und Kainmerkasse 
zusammen auf über 20 Millionen schätzten, die zum größten Teile aus 
den Erträgnissen der im 18. Jahrhundert abgeschlossenen Subsidien- 
verträge stammten. In der Verfassungsfrage erklärte die Landtags 
kommission, daß sie nach Beendigung der deutschen Gesamtkonstitution 
gelöst werden würde, und stellte für den zu erwartenden Landtags 
abschied eine auf den liberalsten Grundsätzen beruhende Verfassung für 
ganz Hessen in Aussicht. Am 4. Juli 1815 wurde der Landtag nach 
Einsetzung eines bleibenden Ausschusses vertagt und die Stände gingen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.