Full text: Geschichte des Kurfürstentums Hessen

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Restaurationspolitik Wilhelms I. 1814 
Justizpflege und Verwaltung trat wieder in Geltung, und es verstand 
sich ganz von selbst, daß zunächst bei der neuen Amterbesetzung alle 
Personen mit dem Titel bezeichnet wurden, den sie im Jahre 1806 ge 
führt hatten. Universitätsprofessoren, die in der Zwischenzeit berufen 
waren, Pfarrer, die inzwischen ein Amt erhalten hatten, mußten neu 
ernannt oder bestätigt werden. Advokaten durften nur amtieren, nach 
dem ihre Praxis ihnen von neuem gestattet war. Das französische Gesetz 
buch Napoleons wurde außer Kraft gesetzt, die Gemeindeverfassung kehrte 
in ihren früheren Stand zurück, das Lehnswesen lebte wieder auf, nur 
die Patrimonialgerichtsbarkeit blieb aufgehoben. Alle während der Fremd 
herrschaft von der westfälischen Regierung vorgenommenen widerrecht 
lichen Veräußerungen von Kammergütern wurden als Schmälerung des 
Staatsguts für nichtig erklärt und die Kammerbehörden angewiesen, 
sich wieder in ihren Besitz zu setzen. Ebenso wurden die geschehenen 
Allodisizierungen der Lehen und die Wiederverleihung heimgefallener 
Lehen, die von westfälischen Behörden ausgegangen war, ungültig ge 
macht. Am Schluffe des Jahres 1814 konnte der Kurfürst mit großer 
Befriedigung konstatieren, daß das sneien regime in Hessen im wesent 
lichen wiederhergestellt war. 
Es läßt sich nicht leugnen, daß die Aufhebung aller fremdartigen 
Einrichtungen der westfälischen Okkupationszeit ihre Schattenseiten hatte, 
zumal neben vielen, dem Volke unerträglich gewesenen Neueinrichtungen 
und Lasten auch manche unleugbare Verbesserungen in Wegfall kamen. 
Man hat deshalb von manchen Seiten'damals und noch viel mehr später 
Wilhelms ganze Restaurationspoliük heftig und maßlos angegriffen. 
Namentlich die Zurückschraubung der Beamten und Offiziere auf ihre 
früheren Stellungen wurde von den davon Betroffenen hart empfunden, zu 
mal die westfälischen Staatsdiener durch hohe Gehaltszahlungen verwöhnt 
waren, die in schreiendem Mißverhältnis zu der Finanzlage des Staates 
und der Not seiner Steuerzahler standen. In Westfalen hatten auch die 
Streber besser- und schneller Karriere machen können als in dem viel 
kleineren Hessen. So sah sich mancher aus diesen Kreisen geschädigt, 
besonders aber die Domänenkäufer, deren Spekulationen bei den wider 
rechtlichen, meist sehr vorteilhaften Ankäufen der Kammergüter durch 
den Umschwung der Verhältnisse mißglückt waren. Der Kurfürst fühlte 
sich aber vollständig in seinem Recht, und wenn er in seinem Bestreben 
die Spuren der Fremdherrrschaft restlos auszumerzen, viel weiter ge 
gangen -ist, als nützlich und gut war, so lag eben in diesem Ver 
halten eine echt hessische Hartnäckigkeit, die einen Hauptwesenszug seines
	        

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