Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

lieber Geschichtsauffassung. 
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neuen Lehre bedürfen, denn die Erfahrung hat die Menschheit 
über die primitiven Theorien ihrer Kindheit hinausgehoben, und 
keine Interpretation oder Symbolik kann jene Begriffe neu be 
leben. Rastlos wird die Menschheit weiter forschen nach dem 
Sinne und Zwecke ihres Daseins und nach den Möglichkeiten, 
cs angenehmer zu gestalten. Inmitten einer überwältigenden Um 
gebung, deren geheimnisvolle Kräfte ihr auf Schritt und Tritt 
mit dem Untergange drohten, in kleinen Häuflein unstet über 
die unermeßlich dünkende Erde wandernd — wie hätte sie sich 
da als Schöpferin ihrer Welt erkennen können? Noch betrachtet 
sie in ihrer großen Mehrheit das Leben als ein arges Geschenk, 
als einen bösen Traum, der mit dem Erwachen in einer besseren 
Welt ein schönes Ende findet. Wie aber, wenn es eine solche 
bessere Welt nicht gibt; wenn wir nur das erhoffen dürfen, 
was wir uns hier schaffen können; wenn die Seele entsetzt in 
öder Leere nur die Erinnerung an dieses Leben kennt und sehn 
süchtig nach ihm zurückstrebt? Unermeßlich, unbegrenzt sind 
die /lussichten, die sich einer geeinten Menschheit eröffnen. 
Was der menschliche Geist überhaupt zu ersinnen, zu erhoffen 
vermag, ist ein Produkt seiner Erfahrung, nur in anderem Ge 
wände und in ungekannter Reihenfolge oder Zusammensetzung, 
und was der Mensch ersinnen kann, das kann er auch schaffen. 
So ließe sich der Gegensatz zwischen dem Ideale der Religion 
und den Idealen der Sclbsterhaltung und der Herrschaft besei 
tigen, das Leben bliebe höchstes Ziel und doch nur Mittel zu 
seiner vollkommeneren Erreichung. Mit vereinten Kräften könnte 
die Menschheit an diesem Werke arbeiten und sich und allen 
ihr befreundeten Lebewesen Daseinsbedingungen schaffen, die 
heute kein Menschengeist auch nur erträumen kann. Und ist’s 
dann anders, erwartet uns im Jenseits ein Erwachen zu vollerem 
Leben, so würde die Menschheit durch den Glauben an sich 
selbst dort nichts einbüßen, hier aber unendlich viel gewinnen. 
Mit oder ohne solchen Glauben wird sie auch ferner dem Ideale
	        

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