Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

lieber Geschichtsauffassung. 
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nen Klassen und Rangstufen zu ordnen. Jetzt aber konnte ein 
Kleinbürgcrsmann zu hohem Ansehen und großem Reichtume 
heranwachsen und der Träger eines angesehenen Familiennamens 
in Armut und Elend untertauchen. Die geistliche Macht konnte 
den Verfall der alten Ordnung nicht aufhalten, dem Drängen der 
neuen nicht widerstehen; die Kirche paßte sich den neuen Ver 
hältnissen an, indem sie sich der neuen Gesellschaftsordnung und 
Rangstufung auch in ihrer hierarchischen Organisation anglie- 
dertc. Der Unterschied zwischen dem armen kleinen Handwerker 
und dem reichen Fabrikherrn ist kaum größer als der zwischen 
einem hohen geistlichen Würdenträger, der in „ersten Kreisen“ 
amtiert, und dem Pfarrer eines kleinen Landstädtchens. Nicht 
nur in den einzelnen Kirchen gibt es solche Rangunterschiede 
zwischen der Geistlichkeit, sondern auch zwischen verschiedenen 
Kirchen bestehen sie, bald mehr, bald weniger hervortretend; 
man vergegenwärtige sich nur den Unterschied zwischen einem 
Geistlichen einer anerkannten Landeskirche und einem Pfarrer 
einer kleinen Sekte oder gar einem Offizier der Heilsarmee. 
Solche Unterschiede haben mit der eigentlichen Grundlage aller 
kirchlicher Organisation, der geistlichen Autorität, nichts zu 
tun; sic entsprechen einfach der Gesellschaftsordnung, die das 
Resultat des wirtschaftlichen Kampfes um Sclbstcrhaltung und 
Herrschaft ist. 
Aber nicht nur auf solche Aeußerlichkeiten erstreckt sich 
die Zersplitterung der Kirchen und ihrer Hierarchien. Möge es 
den verschiedenen Kirchen einer Religionslehre noch gelingen, 
eine gewisse Uebereinstimmung in der Lehre ihres Gottes zu 
wahren und selbst in dem Wortlaute ihrer Gebote für die Hand 
lungen der Menschen, in der Auslegung dieser Lehren und 
Gebote und in ihrer Anwendung im täglichen Leben ergeben 
sich die größten Gegensätze und Widersprüche. Je mehr sich 
die Klassengegensätze und Intercssenkonflikte in einer Gesell 
schaft zuspitzen, desto schwieriger wird die Stellung der bei
	        

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