Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

lieber Geschichtsauffassung. 
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Zu allen Zeiten und unter allen Völkern gibt es Menschen, 
die mehr als andere nach dem Zusammenhang der wahrge 
nommenen Erscheinungen und Vorgänge forschen und, je nach 
ihrer Veranlagung und den empfangenen Eindrücken, zu den 
Dichtern, Philosophen oder Priester-Propheten ihres Volkes 
werden. Solche Menschen, die glauben, anderen den Weg zur 
Erfüllung ihrer religiösen Ideale zeigen zu können, wenden sich 
unmittelbar an deren Geist, erwecken dorten die Gefühle, die 
wir als die ideellen Grundlagen der Religion kennen gelernt 
haben, und zeigen, wie diese Gefühle beschwichtigt oder be 
friedigt werden können. Das ist die Grundlage und das Wesen 
der „geistlichen Macht“. 
Die Gründer der großen Religionsgemeinschaften und ein 
zelne hervorragende Persönlichkeiten nach ihnen besaßen jene 
geistliche Macht in besonderem Maße und wurden dadurch zu 
anerkannten Führern im religiösen Leben weiter Kreise ihrer 
Mit- nnd Nachwelt. Die Lehre von ihren besonders nahen Be 
ziehungen zu dem göttlichen Wesen, dessen Willen sie ver 
kündeten und als dessen erwählte Werkzeuge sie sich bezeich- 
neten, trug nicht wenig dazu bei, ihren Einfluß und ihre geist 
liche Autorität zu erhöhen. Das ist die eigentliche Grundlage, 
auf der sich jede religiöse Organisation aufbaut, ohne die sic 
ihren eigentlichen Charakter verlieren und ein ihr fremdes 
Wesen annehmen muß. Die materielle Umgebung, die bei den 
anderen Grundidealen eine so überaus große Rolle spielt, wird 
in dem Ideale der Religion ganz in den Hintergrund gedrängt 
und gilt eigentlich nur noch als Hilfsmittel zur Demonstration 
des göttlichen Willens und der geistlichen Macht. Das ist ein 
verhängnisvoller Fehler, denn da sich die von ihr ausgehenden 
Kräfte und Einflüsse auf den Geist nicht ausschalten lassen, 
kann es nur hervorragenden Persönlichkeiten vorübergehend 
gelingen, sie ihrer geistlichen Autorität unterzuordnen oder sie 
in wenigstens scheinbaren Einklang mit ihr zu bringen. Wo
	        

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