Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Können wir noch an einen Fortschritt usw. 
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längst nicht mehr da! Denken wir an die Folter und an die 
Hexenprozesse, denken wir an die Sklaverei und so manches 
andere, wovon es nun heißen darf: es war einmal! Die Mensch 
heit ist im Laufe der Zeiten über scheinbar Unüberwindliches 
hinaus gekommen — heute aber und in den kommenden Zeiten 
ist es vor allem der Krieg als „der Quell aller Uebcl und Sitten 
verderbnis, das größte Hindernis des moralischen“ (nach Kant), 
dessen Ueberwindung von allen angestrebt werden muß, denen 
ein Aufstieg der Menschheit zu immer höheren Zielen als kein 
leerer Wahn erscheint. Nur ganz langsam und allmählich ge 
winnt die rechte Anschauung über das Wesen des Kriegs im 
allgemeinen und dementsprechend über die Notwendigkeit einer 
alle Völker umspannenden, tief und fest fundierten Friedens 
bewegung die gebührende Würdigung in weiteren Kreisen — man 
hat in vergangenen Zeiten zu sehr an den Krieg geglaubt, als 
daß man nun das hohe, hehre Friedensziel der Menschheit ohne 
weiteres leicht ins Auge fassen möchte. Aber das Ziel war 
immer schon da und auch zuweilen von solchen geschaut, deren 
Gedanken im allgemeinen ganz anders gerichtet waren und deren 
Beruf sogar im Kriegsdienst bestand. Von Napoleon auf St. Helena 
wird das wohl wenig bekannte, aber sehr beachtenswerte Selbst 
bekenntnis berichtet: „Der Krieg wird zu einem Ana 
chronismus werden. Es gibt zwei Geistesrichtungen: Die 
eine kämpft für die Vergangenheit, die andere für die Zukunft. 
Die Gegenwart ist ja nur ein schmerzlicher Uebergang. Wer 
wird siegen? Sicherlich die Zukunft, d. h. die Vernunft, die 
Wissenschaft und der Friede. Die Vergangenheit stützte 
sich auf brutale Kraft, auf Vorrechte und auf Unwissenheit. 
Später werden sich die Siege ohne Kanonen und ohne Bajonette 
vollziehen“. Und Moltke, der große deutsche Stratege, der auch 
den siegreichsten Krieg als ein Unglück und zwar nicht bloß 
für den Besiegten, sondern auch für den Sieger erachtete, hat 
sich dahin ausgesprochen: „Wir bekennen uns offen zur
	        

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