Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

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Der Internationale Herold. 
den „Kulturvölkern“ ereignete und was freilich nur zu sehr dazu 
angetan war, alle Gedanken und Bestrebungen für einen Auf 
stieg der Nationen nach einem großen, gemeinsamen Ziele hin 
in verhängnisvoller Weise zu diskreditieren. Aber war dieses 
Menschheitsziel nicht auch bereits vor dem Weltkriege gar vielen 
schwer verschleiert und haben diese nicht in dem entsetzlichen 
Geschehen nur eine Bestätigung ihrer schon immer gehegten 
Meinung finden zu müssen geglaubt, daß die Völker auf den 
seit uralten Zeiten beschrittenen Bahnen weiter wandeln und daß 
die Kriege unter ihnen niemals aufhören, vielmehr in Zukunft 
nur noch immer grausamer sich ausgestalten und die Mensch 
heit noch mehr als bisher zerreissen werden? Soll man ihnen 
beipflichten, all diesen Unheilspropheten, soll man die von ihnen 
protegierte Anschauung mit träger Resignation ohne weiteres zu 
der eigenen machen und die von dorther begünstigte, in weiten 
Kreisen noch heute beliebte und bequeme Logik anerkennen: 
wie es war, so wird es immer bleiben — Kriege gab es von jeher, 
so werden sie auch nimmer aufhören und das ewige Gestrige 
wird sich in allem Künftigen immer wieder erneuen? Fürwahr 
eine traurige Weltanschauung, die alles hohe Streben unterbindet, 
alles edle Ringen und Kämpfen hemmt! Da gilt auch alle 
Friedensbewegung von vornherein als eitle Utopie und Phantasterei 
und mit mitleidigem Lächeln wird alles abgetan, was aus dem 
Untergründe eines hochgemuten und tatkräftigen Zukunftsglaubens 
sich zum Lichte regen will im trotzigen Gegensatz zu allen 
niederdrückenden Erscheinungen und Tatsachen einer finsteren 
Gegenwart. Aber ist denn die Menschheitsgeschichte nicht 
immer noch dazu da, daß man daraus lerne, und daß man 
besonders auch immer klarer erkenne, wie alles Geschehen 
zugleich auch ein Sichwandeln, Sich verändern bedeutet? Wie 
vieles war einst innerhalb der menschlichen Gesellschaft, was 
sie aufs tiefste entwürdigte und schändlich befleckte und wovon 
man meinte, es würde nie zu beseitigen sein, und heule ist es
	        

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