Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

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Der Internationale Herold. 
Fließen die Mittel langsamer, gerät das wirtschaftliche Prestige 
der herrschenden Klassen in Gefahr, dann äußert sich die Rück 
wirkung dieses Zustandes in einer Zunahme der Sclbständigkeits- 
bestrebungen des Staates; er sucht sich die gewünschten Mittel 
zu ertrotzen und betrachtet sich weniger als Diener der herr 
schenden Klassen, neigt womöglich zu Herrschaftsgelüsten auch 
ihnen gegenüber, zumal wenn Polizei oder Heer gut organisiert 
sind und zu ihm halten, gemeinsame Sache mit ihm machen. 
Das bisher Gesagte muß genügen, um den engen Zusammen 
hang zwischen der wirtschaftlichen und politischen Lage der 
Klassen erkennen zu lassen. Wirtschaft und Politik erscheinen 
tatsächlich als zwei Seiten ein und desselben Dinges. Was im 
wirtschaftlichen Kampfe geschaffen und erreicht wird, wird mit 
Hilfe des Staates erhalten, geordnet, in Permanenz erklärt; die, 
man könnte sagen, zufälligen Ergebnisse dieses Kampfes werden 
durch den Staat bestätigt und zur rechtlichen Ordnung erhoben. 
Die Macht der wirtschaftlichen Faktoren wird zum politischen 
Rechte. In dieser Verallgemeinerung, Billigung und gesetzmäßigen 
Geltendmachung der wirtschaftlichen Zustände und Erscheinungen 
müssen wir zugleich eine der segensreichsten und gefährlichsten 
Betätigungen des Staates erblicken, die von grundlegender Be 
deutung für das gemeinschaftliche Leben ist, denn sie ermög 
licht ruhige und ungestörte Betätigung des Einzelnen und ge 
ordnetes wirtschaftliches und politisches Leben der Gesellschaft, 
aber sie verhindert auch viel freie, gesunde Entwicklung und 
begünstigt stets den Erfolg von gestern gegenüber dem Streben 
zum Erfolge von heute. Die Idee des Rechtes hat vornehmlich 
durch religiöse Gedankenverbindungen und durch traditionelle 
Ueberlieferung allmählich eine Gestalt angenommen, die weder 
durch die Vergangenheit noch durch die gegenwärtigen tatsäch 
lichen Zustände und Verhältnisse berechtigt ist. Juristische und 
ethische Theorien haben die Äuffassung bestärkt, daß „recht“ mehr 
oder weniger identisch mit „vollkommen“ sei und als unverletzlich,
	        

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