Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

lieber Geschichtsauffassung. 
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des Einzelnen berührt ihn, nur die wirtschaftliche Lage der ge 
samten Nation bestimmt seine wirtschaftliche Stellung. 
Wir haben gesehen, daß das Verhältnis der einzelnen Klassen 
zueinander in der Hauptsache durch wirtschaftliche Faktoren 
bestimmt und geregelt wird, aber in dem Verhältnisse der Klassen 
zum Staate tritt dieser reinwirtschaftliche Charakter hinter dem 
politischen zurück; die wirtschaftlichen Machtverhältnisse werden 
in politische Rechtsverhältnisse übersetzt. Daher geht neben 
dem wirtschaftlich-gesellschaftlichen Kampfe ein politischer Kampf 
der Klassen um die Vorherrschaft im Staate oder, wenigstens, 
um möglichst großen Einfluß auf ihn. Diese enge Verquickung 
hat wirtschaftlich unterlegene Klassen immer wieder dazu ver 
führt, den Versuch zu machen, ihre wirtschaftliche Lage durch 
Aneignung der Staatsgewalt auszugleichen oder doch zu heben 
und besser zu gestalten. Jeder derartige Versuch muß mißglücken, 
wenn die gesamten wirtschaftlichen Verhältnisse nicht ebenso 
gründlich und erfolgreich umgeändert werden können als die 
politischen, denn diese letzteren sind nicht Ursache sondern 
Folgen der ersteren. Nur eine wirtschaftlich gesunde und 
kräftige Nation kann einen großen kraftvollen Regierungsapparat 
unterhalten, denn die in ihm beschäftigten Arbeitskräfte werden 
nicht nur der produktiven Betätigung entzogen, sondern müssen 
von dem übrigen Teile der Bevölkerung auch getragen werden 
mitsamt ihrem sehr erheblichen Materialverbrauche. Gerät die 
wirtschaftliche Organisation in Unordnung, werden die Quellen 
nationalen Reichtumes verstopft, stockt die geordnete Produktion, 
so bilden die staatlichen Einrichtungen mit ihrem Beamtenheere, 
mit den in Polizei und Heer nebst Marine beschäftigten Menschen 
massen eine unerträgliche wirtschaftliche Last. Werden diese 
vernachlässigt, erscheint ihnen ihre Stellung und ihre wirtschaft 
liche Zukunft bedroht, so werden sie sich stets auf seiten derer 
stellen, von denen sie eine Besserung ihrer Lage erwarten können, 
d. h. auf seiten der wirtschaftlich stärkeren oder der herrschenden
	        

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