Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

lieber Geschichtsauffassung. 
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können und andererseits, je größere und weitere Interessen 
gemeinschaft zwischen Staat und einzelnen Klassen besteht, desto 
fester ruht er auf dem Willen zur gegenseitigen Hilfe, und um 
so größere Machtmittel stehen ihm zur Verfügung gegen seine 
Gegner oder äußeren Feinde. Diese sich gegenüberstchenden 
Prinzipien bestimmen die Haltung des Staates in jedem Falle, 
sie ziehen sich wie zwei Bänder durch alle seine Einrichtungen, 
alle seine Handlungen, und sie bestimmen letzten Endes seine 
gesamte Entwicklung so sehr, daß diese geradezu als ein Kampf 
um die Vorherrschaft eines derselben über das andere aufgefaßt 
werden könnte. Sucht man in diesem Entwicklungsgänge des 
Staates einen Fortschritt nach einer bestimmten Richtung hin 
zu erkennen, so zeigt er sich am deutlichsten in dem Ueber- 
gange von der Vorherrschaft des Prinzipes der Macht zu der 
Vorherrschaft des Prinzipes der Verständigung und der gegen 
seitigen Hilfe, zunächst innerhalb der einzelnen Nationen, in 
neuerer Zeit aber auch in ihrem internationalen Verkehre. 
Aus dem Gesagten ergibt sich eine doppelte Aufgabe des 
Staates, einmal sucht er das Verhältnis der einzelnen Klassen 
untereinander und zu sich zu regeln und das gemeinsame Leben 
der Nation in ruhigen, geordneten Bahnen zu leiten, sodann regelt 
er die Beziehungen der so organisierten Nation zu anderen 
Nationen und ihren Staaten. Hierzu bedarf er eines großen 
Regierungsapparates, der bekanntlich in die drei großen Ab 
teilungen zerfällt: Gesetzgebung, Verwaltung und ausführende 
Gewalt, von denen sich jede wiederum aus einer Anzahl öffent 
licher Einrichtungen und Organisationen zusammensetzt. Alle 
diese müssen notgedrungen in engem, fast organischem Zu 
sammenhänge miteinander stehen, wenn jede ihren Teil der 
allen gemeinsamen Aufgaben richtig lösen und die gesamte 
Regierung also glatt und sicher funktionieren soll. Die in den 
verschiedenen Regicrungszweigen beschäftigten, in modernen 
Staaten sehr beträchtlichen Menschenmassen bilden nicht nur
	        

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