Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

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Der Internationale Herold. 
kauft, erschrickt über den geforderten Preis und, wenn er dann 
selbst etwas verkauft, paßt er seine Forderung „den Verhält 
nissen“ an. Ist auch jeder an diesem Treiben beteiligt, so trifft 
die Landwirte doch die größte Schuld und der schwerste Vor 
wurf, denn durch die unausgesetzte sprunghafte Steigerung aller 
Lebensmittel wird alles andere ebenfalls mitgerissen. Die Hoff 
nung auf den vor der Türe stehenden Sommer und in geringerem 
Maße auf Genua, hält das Volk selbst diesem schamlosen 
Treiben gegenüber noch ruhig, aber man fragt sich besorgt: 
Wie lange noch? die Herren Agrarier mögen sich vorsehen; 
wenn sich die Erbitterung der gepeinigten Massen Luft macht, 
wird es eine fürchterliche Abrechnung geben. 
Noch gelingt es, den Unwillen auf die Politik Frankreichs 
abzuleiten, die ganz gewiß zu verurteilen, aber an der Wucherei 
schuldlos ist. Auch sonst leistet sie gewissen Kreisen gute 
Dienste, denn sie erleichtert es ihnen, die wildesten Leiden 
schaften und grenzenlose Wut im Volke zu entfachen und wach 
zuhalten und es so in eine Stimmung zu versetzen, in der es 
zu unüberlegten Streichen aufgelegt ist. Der Nationalismus wird 
unablässig geschürt und die Hetze richtet sich gegen alles, was den 
Drahtziehern verhaßt und unbequem ist. Unter solchen Umständen 
läßt sich nicht voraussehen, wie und wo der Zusammenstoß stattfin 
den wird, aber es ist dem aufmerksamen Beobachter ganz klar, daß 
die Gefahr eines Konfliktes von Tag zu Tag größer und drohender 
wird. Sowohl das wirtschaftliche als auch das politische Leben 
Deutschlands ist durchaus ungesund und weist eine Unmenge 
von Brandstoff auf, der durch irgend einen Funken gezündet 
und im Nu zum Flammenmeere werden kann, denn überall 
stehen sich dieselben Volksteile unter verschiedenen wirtschaft 
lichen und politischen Bezeichnungen gegenüber. 
Die Reaktion wächst mächtig und wagt sich immer weiter 
vor; noch ist der Bruch zwischen England und Frankreich nicht 
zur Tatsache geworden, aber schon die Aussicht auf ihn scheint
	        

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