Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

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Der Internationale Herold. 
und die religiöse Bildung andern Händen überlassen oder ganz 
verkümmern lassen wollen. Andererseits erscheint cs aber auch 
als eine Anmaßung, wenn die Kirchen nur Konfessionsschulen 
und einen streng bekenntnismäßigen Religionsunterricht, unter ihrer 
Aufsicht erteilt, verlangen. Denn die Kirchen haben kein Recht 
auf die öffentlichen Schulanstalten. Diese sind ein wichtiger 
Bestandteil der Gemeinde und des Staates. Man kann sich in 
unserer Zeit keinen Staat denken, ohne eine bestimmte Allgemein 
bildung der Bürger. Gemeinde und Staat haben aber nicht das 
konfessionell Trennende zu betonen, der religiöse und kon 
fessionelle Hader hat seit Jahrhunderten nur Unheil gestiftet. 
Gemeinde und Staat haben das, was die Bürger eint und dem 
innern Frieden dient, zu fördern; nur dadurch wird der gesell 
schaftliche Fortschritt, der Fortschritt in Gewerbe, Kunst und 
Wissenschaft gesichert. 
Diese scheinbar kleine Vervollständigung, daß wir in Ar 
tikel 140 eine sittlich-religiöse Bildung verlangen, ist 
nicht ohne größere Bedeutung. Dadurch wird dieser Artikel in 
volle Uebercinstimmung mit den Zielen der wissenschaftlichen 
Pädagogik gebracht. Er macht die übrigen Schulartikel der 
Verfassung überflüssig und gibt den einzelnen Bestimmungen 
des Artikels eine breitere Grundlage. Auch die Völkerversöhnung 
erhält innerhalb der sittlich-religiösen Bildung ihre harmonische 
Stellung. 
Noch eine zweite Aenderung des Artikels erscheint päda 
gogisch notwendig. Es heißt: In allen Schulen ist sittliche 
Bildung usw. im Geiste des deutschen Volkstums und der Völker 
versöhnung zu erstreben. Von einem Geiste des Volkstums 
kann man m. E. nicht reden. Im Volkstum wurzelt wohl das 
Geistig-Intellektuelle wie das Sittlich-Gute, aber ebenso die 
wilden Triebe und Instinkte, die heftigen Begierden und Leiden 
schaften. Dem Volkstümlichen haftet nichts geistig Vollkommenes, 
Vorbildliches an. Dort, wo der wahre Geist dauernd zutage
	        

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