Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Pazifismus und Pädagogik. 
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Bildung der Schule handelt, befindet. Er lautet: „ln allen 
Schulen ist sittliche Bildung, staatsbürgerliche Ge 
sinnung, persönliche und berufliche Tüchtigkeit im Geiste des 
deutschen Volkstums und der Völkerversöhnung zu er 
streben.“ In dem Schulstreite, der jetzt entbrannt ist und die 
Bürger Deutschlands auseinanderreißt, wird dieser Artikel wenig 
beachtet. Alles stürzt sich auf Artikel 146, 2. Das entspricht 
aber der rauflustigen Natur der Deutschen, für sich ein Recht 
herzuleiten für religiöse und parteipolitische Sonderbestrebungen. 
Artikel 148 ist dagegen geeignet, als allgemeine Grundlage 
unseres gesamten Bildungswesens betrachtet zu werden und 
eine einheitliche Auffassung des Geistes- und Gcmütslebens 
durch die Schule herbeizuführen. 
Zwei Aenderungen und Verbesserungen dieses Artikels 
scheinen mir dabei noch wünschenswert. In allen Schulen ist 
sittliche Bildung usw. zu erstreben, so lautet zunächst die 
Forderung in Artikel 148. Die Religion wird nicht mit erwähnt. 
Die wissenschaftliche Pädagogik redet immer von einer sittlich 
religiösen Bildung. Die Gewinnung eines sittlich - religiösen 
Charakters wird in der Erziehung allgemein als das höchste 
Ziel bezeichnet; denn die Religion gibt erst der Sittlichkeit und 
der sittlichen Bildung den rechten Abschluß. Und dann stellen 
sich in jedem Kinde im Laufe der Entwicklung religiöse Gefühle 
und Vorstellungen von selbst ein. Sie können nicht unterdrückt 
und ausgerottet werden. Der Erzieher soll alle Anlagen und 
Kräfte des Menschen zur Geltung kommen lassen und den 
Zögling harmonisch ausgcstalten. Vernachlässigt die öffentliche 
Schule ein wichtiges Gebiet des kindlichen Seelenlebens, so 
hat sie nicht alle Fäden der Erziehung in der Hand. Sie darf 
nicht behaupten, daß sie bereit sei, eine allseitige und einheit 
liche Geistes- und Gemütsbildung darzubieten. Es ist deshalb 
eine große Halbheit und Verflachung der öffentlichen Erziehung, 
wenn sich weitere Kreise für die religionslose Schule erklären
	        

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