Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Pazifismus und Pädagogik. 
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Vor dem Kriege ist in den deutschen Schulen bei vielen 
Gelegenheiten wenigstens nicht die Ächtung, sondern der Haß 
gegen die fremden Völker gepredigt worden. Was haben die 
Zeitungs- und Bücherschreiber und die Festredner nicht alles 
getan, um den Gegensatz zu schüren. Und wenn sich die Fürsten 
bei ihren gegenseitigen Besuchen auch umarmten und auf beide 
Wangen küßten, es war doch zumeist nur äußerer Schein. 
Paulscn hat in seiner Pädagogik, als sie 1911 erschien, darauf 
hingewiesen, daß Goethe in Gefahr sei, von einem Patrioten 
unserer Tage zurecht gewiesen zu werden. Es sei nicht Bildung, 
sondern Schwäche, Mangel an Nationalgefühl, es sei im Grunde 
recht und notwendig, das Fremde zu hassen und zu verachten. 
Während des Krieges steigerte sich der Spott, die Ver 
achtung und der Haß. „Gott strafe England“, sollte der Morgen 
gruß in den deutschen Schulen werden. Ich erinnere mich, daß 
Großadmiral Tirpitz 1916 in einem Vortrage in Dresden die 
Mütter aufforderte, den Haß gegen England von klein auf den 
Kindern einzuimpfen, so daß sich einige Mütter gegen diese 
schroffe Form der Verhetzung öffentlich auflehnten. Und nun 
nach dem Kriege, in welchem soviel unschuldiges Blut geflossen, 
gibt es weite Kreise in Deutschland — allerdings auch in 
Frankreich, England, Böhmen, Polen — die den Haß weiter 
predigen, die das Kriegsbeil nicht aus der Hand legen, von 
Völkerversöhnung nichts wissen, auch nicht in der Erziehung. 
Zur letzten Sonnenwendfeier in Caub am Rhein forderte der 
Reichstagsabgeordnete Wulle die Deutschen zu Haß und Rache 
auf, und die deutsche Jugend sang: „Wir wollen heute Mann 
für Mann mit Blut das Eisen röten, mit Henkerblut, Franzosen 
blut — o süßer Tag der Rache.“ Das klinget allen Deutschen 
gut, das ist eine große Sache. Gymnasialdirektor Riese betonte 
vor kurzem in einem Ärtikel einer Zeitschrift: „Nur langsam 
bekehrt sich der deutsche Michel zum Hassen. Äber der Haß 
muß und wird auflodern als ein furchtbares gespensterhaftes
	        

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