Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

28 
Der Internationale Herold. 
zunächst durch die Verhältnisse und Kräfte der Umgebung ver 
anlaßt wurde. Erst aus dieser Erfahrung entwickelte sich all 
mählich „das Ideal der Gemeinde“ als Familie, Sippe, Stamm, 
Volk, Nation und Völkergemeinschaft und noch später „das 
Ideal der Fortpflanzung und Erhaltung der Rasse“. Mögen die 
ersten zusammenlebenden Menschenhäuflein auch aus dem Manne 
mit seinen Frauen und Kindern bestanden haben, so ist es nach 
neueren Forschungen doch sehr zweifelhaft ob der Begriff der 
Familie und der Blutsverwandtschaft das älteste Band war, das 
sie zusammenhielt. Es ist leider nicht möglich, in diesem engen 
Rahmen die Entstehung der Mutterliebe und des Herdeninstinktes 
zu untersuchen, und es muß der bloße Hinweis genügen, daß 
man sie sehr wohl auf Annehmlichkeiten und Vorteile zurück 
führen kann, die zunächst das Verhalten der Mutter und der 
einzelnen Individuen bestimmten. Klarere Erkenntnis der Vor 
teile für die ganze Gemeinde führte dann dazu, daß die einmal 
erkannten Ideale mit allen möglichen Mitteln gestärkt wurden, 
bis sie im Laufe der Jahrtausende als die durch Tradition und 
Religion geheiligten Grundlagen der menschlichen Gesellschaft 
erschienen. Auch die Macht der Gewohnheit, dieses mächtigste 
aller Triebwerke, das das gesamte Leben zu 99 ®/io Prozent im 
Gange hält, darf nicht übersehen werden, wie es so leicht und 
vielfach geschieht; in ruhigen geordneten Zeiten erscheint das 
Leben der weitaus meisten Menschen als eine mehr oder weniger 
komplizierte Kette von körperlichen und geistigen Gewohnheiten, 
die nur dann und wann durch neue Verhältnisse in der Um 
gebung oder die eigene Initiative, das letzte Zehntel Prozent, 
unterbrochen wird. 
Wie entscheidend die Religion auch die Gestaltung des 
Lebens innerhalb der Gemeinde beeinflussen mag, die Geschichte 
lehrt uns, daß sie allein nie und nirgends eine genügende Grund 
lage für das Zusammenleben größerer Menschenmengen gebildet 
hat. Selbst in den theokratischen Staaten der alttestamentlichen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.