Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Von der Seele der Völker. 
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Erneuerung des Volkslebens. Denn ohne solche Erneuerung 
führt dieser Weg nicht zum Ziel. 
Im Anfang des Krieges wurden in Zürich an der tech 
nischen Hochschule öffentliche Vorträge über die Kulturbedeutung 
der einzelnen Völker gehalten, ein höchst verdienstliches Werk. 
Ich erinnere mich nun, wie ich in jenen wilden und wirren Tagen, 
wo ich und mit mir fast die gesamte Menschheit von Kriegs 
psychose verblendet, ja schier verblödet war, die Züricher 
Broschüren über die Kulturbedeutung vor allem der Franzosen 
geradezu mit Entrüstung ablehnte. Die Schrecken der „Fran 
zosenzeit“, die vor allem durch Erzählungen meiner Vorfahren 
mir von Jugend an vertraut waren, lebten wieder auf und ließen 
mir die Franzosen als rohe Bestien erscheinen. Der gottlose 
Spötter Voltaire tauchte mir als Typus eines verneinenden und 
zersetzenden französischen Geistes auf, wie Voltaire mir, der ich 
nie etwas von ihm gelesen hatte, in der Religionsstunde vor Zeiten 
geschildert war. Die großstädtischen Milieu-Schilderungen von 
Zola u. a. m. ließen mich in den Franzosen einen dekadenten 
und verkommenen Menschenschlag erblicken, und was es der 
gleichen Irrsinn sonst noch gab. Der Krieg hatte mich und 
ungezählte andere, die wir eben seelisch einfach nicht auf ihn 
gerüstet waren, innerlich über den Haufen geworfen. Ich weiß 
noch, mit welchem Entzücken ich im Anfang des Krieges die 
Legende vom verlorenen Sohn von Andr£ Giele las, und wie 
ich einfach nicht glauben wollte, daß so ein zartes, inniges, 
frommes Werk von einem Franzosen herrühre. Nun, gottlob, 
ich habe jene Psychose trotz aller Raserei des Krieges in dessen 
Verlaufe mehr und mehr überwunden, und Gieb, Rolland, Barbusse 
u. a. m. sind mir Führer und Wegweiser geworden, vor allem 
in der Tat Rolland, dem ich unendlich viel verdanke. Helfer 
und Freunde waren auch die mir seit Jahren vertrauten fran 
zösischen Künstler, Watteau, Fragonaud, Greuze, David, Houdon, 
Gerard, Ary Scheffer, Delaroche, Gleyre u. a. m., und dann aus
	        

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