Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Von der Seele der Völker. 
7 
diesen gehen — ist der, mich zu mühen, die besondere Aus 
prägung des Menschlichen in der fremden Volksart zu verstehen. 
Sind alle Menschen und alle Völker grundsätzlich wesensgleich, 
so kann auch in den Angehörigen der fremden Völker kein 
Wesenszug sein, der mir grundsätzlich wesensfremd wäre. 
Nein, es kann sich immer nur darum handeln, daß beim einen 
Volke diese beim andern Volke jene Wesenszüge stärker, reicher, 
feiner ausgebildet sind, und daß dann die verschiedenen Wesens 
züge eine individuelle Färbung annehmen, die letzten Endes 
unaussprechlich und undefinierbar ist, in die man sich nur 
ahnend hineinfühlen kann. 
Und hier steht nun das Wort: An der Pforte aller Er 
kenntnis steht die Liebe, — Selbstgerechtigkeit, Uebelwollen, Arg 
wohn, Mißtrauen, Haß- und Rachegcfühle sind schlechte Weg 
weiser und führen nicht zum Ziel, in die warme menschliche 
Seele der Angehörigen des anderen Volkes, sie machen blind 
für das unter dem Lärm und Schmutz der Oberfläche pulsende 
schlicht menschliche Leben. Gleichwie, wenn der Most gärt, 
der Schaum und alles Trübe an die Oberfläche kommt, und 
der, wer nur den Schaum sehen, und darum etwa den Most 
wegschütten wollte, ein blinder Tor wäre, also ist auch der ein 
blinder Tor, wer um des Schlechten und Sündigen willen, was 
beim fremden Volk naturgemäß an die Oberfläche kommt, dies 
Volk verdammen wollte. Nein, noch einmal: Die Liebe allein 
ist die wahre Wegweiserin zum Verständnis fremden Wesens 
und fremder Völkerart. Solch ein Liebender war Carlyle, als 
er zu seiner Zeit um die Seele des deutschen Volkes warb. 
Und solch ein Liebender ist heute zu unserer Zeit der wahr 
haft menschliche Romain Rolland, der da unermüdlich seit den 
frühen Tagen, da ihn Malvida von Meyscnburg in Rom in das 
deutsche Geistesleben cinführte, um das Verständnis der deut 
schen Seele rang, und in seiner Beethovenbiographie und im 
Johann Christoph hierfür das schönste Zeugnis ablegte. Da
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.