Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Von der Seele der Völker. 
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man dann die Vorzüge, oder doch vermeintlichen Vorzüge des 
eigenen Volkes hervor und berauscht sich in höchst phari 
säischer Selbstgerechtigkeit an seinen eigenen — wahren oder 
auch eingebildeten — Tugenden, und splittcrrichtert nun über 
die anderen Völker in einer nicht nur unchristlichen, sondern 
sogar unmenschlichen Weise, indem man ihnen schließlich jede 
Menschenwürde abspricht. Sucht man dann irgend etwas Gutes 
am fremden Volke oder an einem Angehörigen des fremden 
Volkes hervorzuheben, so begegnet man Achselzucken und Miß 
trauen, und höchstens heißt es: „Ausnahmen bestätigen die 
Regel“, oder „eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ 
oder dgl. Es ist oft geradezu, um an der Menschheit zu ver 
zweifeln, und dies Phänomen zeigt sich nicht nur in Deutsch 
land, sondern, wie ausländische Zeitungen und Witzblätter zur 
Genüge dartun, auch in den anderen Ländern. 
Nein, so geht’s nicht weiter; soll die gegenseitige Ver 
hetzung, Verketzerung und Verdammung alle Völker nicht in 
den Abgrund führen, sollen sie sich am Ende nicht völlig zer 
fleischen, so müssen sie alles daran setzen, einander kennen zu 
lernen, zu verstehen und einander gerecht zu werden. Dies hat 
auch der edle Thomas Carlyle ausgesprochen, der wie nur einer 
um das Verständnis der deutschen Seele gerungen und für die 
Verbreitung der Kenntnis deutschen Geisteslebens bei seinen 
englisch-schottischen Landsleuten mehr als irgend einer getan 
hat. Er schreibt an Goethe am 22. Dezember 1829: „Laßt die 
Völker einander so kennen, wie ein Mensch den andern kennt, 
und der gegenseitige Haß wird gegenseitiger Hilfsbereitschaft 
das Feld räumen, und statt natürlicher Feinde, wie man bis 
weilen Nachbarländer nennt, werden wir alle natürliche Freunde 
sein.“ Goethe hielt dies Wort für so wichtig, daß er die Übersetzung 
des betreffenden Briefes der deutschen Übersetzung von Carlyles 
Schillers Leben, die er der „Gesellschaft für ausländische Lite 
ratur“ in Berlin widmete, voransetzte. In demselben Briefwechsel
	        

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