Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

lieber Geschichtsauffassung. 
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ist die Tatsache, daß jedes Arbeitsprodukt, sei es vorwiegend 
materieller oder ideeller Art, immer nur ein Mittel zur Be 
friedigung eines Bedürfnisses, zur Erreichung eines Ideales ist. 
Dieser Charakter eines Arbeitsproduktes wird aber nicht 
überall streng gewahrt. Dient es unmittelbar zur Befriedigung 
eines Bedürfnisses, so erscheint es uns durch eine merkwürdige 
Fiktion als Endziel oder Selbstzweck der Arbeit; wenn wir die 
Speise beschafft und zubereitet, das Haus gebaut und eingerichtet 
haben, ist unsere Arbeit zu Ende, das Ziel erreicht. In Wirk 
lichkeit müssen wir die Speise noch verzehren und die Ver 
dauungsvorgänge durchmachen, das Haus und seine Einrichtung 
bewohnen und gebrauchen, ehe sich das ersehnte Gefühl der 
Befriedigung einstellt, aber durch jene sonderbare Fiktion werden 
diese letzten Verwendungen der Arbeitsprodukte nicht mehr als 
Arbeit angesehen, wahrscheinlich wegen der angenehmen Gefühle, 
die sie in uns verursachen. Es ist also stets diese Fiktion zu 
beachten, wenn wir künftig ein Arbeitsprodukt als Endziel der 
Arbeit bezeichnen. 
Der Jäger, der ein Wild erlegt und es alsbald zur Stillung 
seines Hungers zubereitet und verzehrt, betrachtet es als das 
Endziel seiner Arbeit. Behält er nun nach seiner Sättigung 
einen entsprechenden Teil der Jagdbeute übrig, so nimmt dieser 
Teil einen anderen Charakter an; er dient nicht mehr zur un 
mittelbaren Befriedigung eines Bedürfnisses, sondern erscheint 
als Mittel zur Stillung eines künftigen Bedürfnisses. Sein Wert 
wird nicht mehr an den überstandenen Mühen und Anstrengungen 
und der Befriedigung gemessen, die er durch Stillung des emp 
fundenen Hungers gewährt, sondern an der Vorstellung von 
den Mühen, die der Jäger zur Erlangung der Beute untergehen, 
von dem Hunger den er würde leiden müssen, wenn er sich die 
nächste Mahlzeit noch nicht verschafft hätte. Dieser Teil des 
erlegten Wildes ist nicht mehr Endziel der Arbeit, sondern Mittel 
zur Vermeidung künftiger Arbeit, sein Wert ist nicht mehr ideell
	        

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