Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

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Der Internationale Herold. 
sprechend mag das Arbeitsprodukt in der Hauptsache entweder 
eine Aenderung der materiellen Umgebung oder aber eine Aende- 
rung des jeweiligen Geisteszustandes also etwa ein Akt der Er 
kenntnis, ein Ideal oder ein Arbeitsplan sein. In keinem Falle 
kann das Arbeitsprodukt in der Befriedigung des Bedürfnisses 
bestehen, denn die Empfindung des Bedürfnisses und seine Be 
friedigung sind Gefühlsvorgänge und als solche von einer direkten 
oder indirekten Einwirkung auf die Sinne abhängig. Während 
die primären oder instinktartigen Gefühle meistens durch sinnliche 
Wahrnehmungen von Gegenständen der materiellen Umgebung 
ausgelöst und befriedigt werden, entstehen die sekundären oder 
sogenannten „höheren“ Gefühle durch Geistesakte der Erkenntnis 
und werden auch durch solche befriedigt. Nichts unter 
scheidet das niedere von dem höheren Lebewesen, den minder 
entwickelten von dem höheren Kulturmenschen so sehr, als das Vor 
herrschen solcher instinktartiger Gefühle in den ersteren und ihre 
allmähliche Verdrängung durch sekundäre Gefühle in den letzteren. 
Auf dem Gebiete der Selbsterhaltung und Herrschaft werden die 
Gefühle des Hungers, der Kälte, der Furcht und andere stets einen 
Teil ihres instinktartigen Charakters beibehalten, aber bei den Kul 
turmenschen sind sie fast immer die Folgen komplizierter Erkennt 
nisvorgänge, wie z, B. die Angst des Kaufmannes vor Verlusten, 
während sie bei Kindern und Naturvölkern meist durch direkte 
sinnliche Wahrnehmungen, z. B. die Furcht vor einem dunklen 
Raume, ausgelöst werden. In der Religion sind die ursprünglich 
primären Gefühle in ähnlicher Weise verdrängt worden, was zur 
Folge hat, daß die Vorgänge und Erscheinungen, welche jene 
auslösten, symbolische Bedeutung gewonnen haben und die 
Religion immer mehr zur Vernunftssache wird. Die entsprechende 
Aenderung in der Kunst kann kurz als das Verdrängen der direkten 
Einwirkung von Gegenständen auf die Sinne durch die sogenannte 
Interpretation der Kunstwerke bezeichnet werden. Das alles kann 
hier nur kurz angeführt werden, worauf es uns jetzt ankommt,
	        

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