Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

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Der Internationale Herold. 
weilen sogar überholt wird, fluch die diesjährige Leipziger 
Messe legt beredes Zeugnis ab von der noch immer vorhalten 
den starken Beschäftigung der deutschen Industrie in allen ihren 
Zweigen, aber trotzdem steigen alle Preise täglich, unaufhaltsam, 
in einem geradezu stürmischen Tempo. Es ist klar, Deutsch 
land allein kann diesem Treiben nicht Halt gebieten, steht ihm 
fast machtlos gegenüber; die Hoffnung, ihm durch Erreichung 
der sogenannten Weltmarktpreise ein Ende zu machen, muß 
trügen, solange der Wert der Mark nicht irgendwie eine feste 
Grundlage erhält, am Ende dieses Weges steht der Zusammen 
bruch nicht der privaten, aber der öffentlichen Wirtschaft. Wir 
können einstweilen noch nicht an die Allmacht internationaler 
Kredite glauben; wer will den unproduktiven Teil der deutschen 
Bevölkerung erhalten bis der produktive Teil es wieder vermag? 
Kredite für die an und für sich kreditfähige deutsche Industrie 
sind nur denkbar, wenn sie gegen Eingriffe des Staates und 
seiner fremden Gläubiger gesichert sind, dann führen sie zur 
Gründung einer privaten Notenbank, und wir erhalten wertvolles 
Industrie- neben wertlosem Reichsgeld; so weit ist es noch nicht, 
wenn es je dazu kommen sollte. 
Nach der Presse zu urteilen, beschäftigt sich die öffentliche 
Meinung wieder lebhafter mit der Schuldfrage. Die Erörterung 
hat so, wie sie meistens geführt wird, wenig oder gar keinen 
Wert, denn mit spitzfindigen Argumenten wird man die Ansichten 
der anderen Völker nicht ändern. Die Welt ist allgemein bereit 
genug, den in allen Ländern vorhanden gewesenen Kriegstreibern 
einen Teil der Schuld zuzuschreiben und steht viel tiefer unter 
dem Eindrücke der deutschen Kriegsmentalität, als unter dem 
irgendeiner Depesche oder einer sonstigen Betätigung der Diplo 
maten. Ihre Vorstellung von dem Lose, das ihr ein deutscher 
Siegfrieden beschert haben würde, richtet sich nicht nach der 
Veranlassung und Art der Kriegserklärung, sondern nach ihren 
Erfahrungen von der Kriegsführung, und sic fragt nicht danach,
	        

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