Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

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Der Internationale Herold. 
Neubau aufrichten soll. Da ist es denn kein Wunder, daß sie 
alle eifrig miteinander verhandeln, um womöglich eine festgefügte 
Front in Genua zeigen und gemeinsame Interessen gemeinschaft 
lich vertreten zu können. Die Verhandlungen werden sehr ge 
heim gehalten, und man wird ihr Resultat wohl erst in Genua 
erfahren, aber manche Anzeichen sprechen dafür, daß man 
Fühlung zu Paris sucht und ohne große Schwierigkeit finden 
wird. Das verleiht einem etwaigen französisch-englischen Gegen 
sätze ein neues und ernstes Gepräge. 
Man ist überein gekommen, Rußland zunächst eine Probe 
zeit aufzuerlegen, ehe man seine bolschewistische Regierung 
offiziell anerkennt. Nur die große, furchtbare Not des Landes 
und die Hilfslosigkeit der Regierung wird sie veranlassen, in 
solche Bedingung einzuwilligen, denn ohne einen derartigen Grad 
der Erschöpfung würde sie gewiß zu verstehen geben, daß man 
ihrer zur Durchführung des großen Projektes ebenso dringend 
benötige, als sie der Hilfe der Weslstaaten. Ob sie aber bedin 
gungslos ihr einst so stolzes Haupt beugen, oder ob sie ver 
suchen wird, die Westmächte gegeneinander auszuspielen, das 
wird die nächste Zukunft lehren, vorläufig weiß man nur, daß 
ihre Vertreter in den Mebopolen Mittel- und Westeuropas in 
letzter Zeit sehr rege Tätigkeit entfaltet haben. Auch in der 
deutschen Presse konnte man neuerdings einen trotzigeren Ton 
vernehmen, indem darauf hingewiesen wurde, daß schließlich 
nicht nur das Einvernehmen und der gute Wille Frankreichs 
zum Gelingen des kühnen Planes erforderlich sei. 
Wir wissen es nicht, aber wir hoffen, die Aussicht auf 
Genua möge nicht das alte, erbärmliche Intrigenspiel der euro 
päischen Staaten neu beleben und entfesseln. Amerika beobachtet 
aufmerksam und schaut eifrig aus nach den Anzeichen einer 
offenen Verständigung und verständigen Einigung Europas, die 
ihm das Signal zur Beteiligung geben soll. Nur wenn Europa 
entschlossen ist, sich selbst zu helfen, darf es auch die mäch
	        

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