Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Wirtschaftliche Nöte und Hoffnungen. 
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Verluste bieten kann. Von allen für die Beteiligung an der 
großen Aufgabe in Frage kommenden Ländern hat Deutschland 
die dringendste Veranlassung, sich mit allen Kräften für ihr 
Gelingen einzusetzen und sie großzügig aufzufassen mit Hintan 
setzung aller kleinlichen Erwägungen von .Augenblickserfolgen. 
Jeder wahre Freund des deutschen Volkes und seiner echten 
Kultur muß mit Bedauern wahrnchmen, daß die Ansicht täglich 
an Boden gewinnt, als sei Deutschland das einzige beklagens 
werte Opfer des Krieges und habe die übrige Welt die moralische 
Verpflichtung, es für ihm zugefügtes Unrecht zu entschädigen. 
Ohne das Kapitel von der Kriegsschuld anzuschneiden, vergesse 
man doch nicht, welches Los man den feindlichen Staaten im 
Falle eines Siegfriedens zugedacht hatte, und daß ein sehr be 
trächtlicher Teil der Reparationsforderungen nicht auf Haß und 
Habgier der früheren Feinde, sondern auf den unverantwortlichen 
Vandalismus der deutschen Kriegsführung zurückzuführen ist 
und in den grauenhaften, unnötigen Verwüstungen eine unan 
fechtbare Berechtigung findet. Wer sich die Stimmung und 
Gedankenwelt der führenden Kreise des deutschen Volkes ver 
gegenwärtigt, solange man an dem siegreichen Ende des Krieges 
nicht zweifelte, der muß dem deutschen Volke jede moralische 
Berechtigung zu Klagen über allzuharte Behandlung von Seiten 
der Sieger absprechen. Die sich langsam bahnbrechende Er 
kenntnis, daß nicht Vergeltung, sondern gemeinsames Wirken 
zur Beseitigung der allen drohenden Not das oberste Prinzip 
sein muß, kann gar nicht freudig genug begrüßt werden, aber 
Deutschland darf darin keine Rechtfertigung erblicken oder 
glauben, es dürfe das Mitleid und die Hilfe anderer in erster 
Linie für sich beanspruchen. Die deutsche Notlage ist zum 
weitaus größten Teile selbstverschuldet, jeder Anspruch auf Hilfe 
muß sich gründen auf eine Umkehr von den früheren Wegen, 
auf eine freudige Bereitwilligkeit, das Geschehene nach Möglich 
keit gutzumachen und an der gemeinsamen Aufgabe mitzuarbeiten.
	        

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