Full text: Der internationale Herold (1. Jahrg. 1922)

Wirtschaftliche Nöte und Hoffnungen. 
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Staaten in Anspruch nehmen möchte. Auch bei der ehrlichsten 
Bereitwilligkeit, andern zu helfen, mögen die Ansichten über 
die nächsten Ziele und die Zweckmäßigkeit der zu verwendenden 
Mittel sehr wohl auseinandergehen und schließlich sind die den 
einzelnen Ländern zur Verfügung stehenden Mittel durch den 
Krieg und die Not der Nachkriegsjahre so erschöpft, daß auch 
bei bestehender Opferwilligkeit die Kräfte zu großen Aufwen 
dungen nicht immer ausreichen. Man scheint sich indessen über 
den cinzuschlagcnden Weg ziemlich klar geworden zu sein, so- 
daß sich die weiteren Erörterungen auf ein bestimmtes Ziel 
konzentrieren können; darin liegt der große Fortschritt und die 
Berechtigung zur Hoffnung, daß es doch noch gelingen werde, 
einen beschreitbaren Ausweg aus der gemeinsamen Not zu finden. 
In Washington haben die führenden Weltmächte die Türen 
zu Ostasien geöffnet und sich über eine gemeinsame, friedliche 
Erschließung des größten vorhandenen Absatzmarktes für ihre 
Industrien verständigt. So erfreulich und aussichtsreich diese 
Vereinbarung auch ist, sie berührt doch nur die Hälfte des 
Gesamtproblemes und läßt fast ganz Europa vorläufig außer 
Betracht. Darum soll jetzt die zweite Hälfte des großen Problems 
in Angriff genommen werden; die Not der europäischen Indu 
striestaaten soll durch Erschließung Osteuropas und Westasiens 
ein Ende finden. Das ist der große Gedanke, dem die Konferenz 
von Genua dienen soll. Dieses Problem liegt in jeder Beziehung 
ganz anders als das der Konferenz von Washington. In Ost 
asien findet man einen fertigen Markt vor; die Millionen arbeit 
samer Menschen haben Schätze gehäuft, die sofort als Ware 
gegen Industrieprodukte eingetauscht werden können, sie brauchen 
nur mit den Vorteilen unserer Erzeugnisse vertraut gemacht zu 
werden, um unseren Industrien riesenhafte Aufträge zu sichern, 
und sie können fortlaufend neue Tauschwerte schaffen. Osteuropa 
und Russisch-Asien bieten ein ganz anderes Bild; eine spärliche, 
verarmte und entkräftete Bevölkerung hat sämtliche Wertreserven
	        

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