Full text: Unser ist der Sieg (Nr. 42, Juli/August 1944)

Bor langen, langen Jahren nannte sich das Rathaus Gam- 
brinusschänke und war ein viel aufgesuchter Wallfahrtsort'. 
Kaiser und Könige, Fürsten und Grafen, Nichtsnutze und Tage 
diebe gingen ehedem an dieser Stätte ein und aus. Von nah 
und fern kamen die Wallfahrer, um den hl. Gambrinus, den 
Schutzherrn aller durstigen Menschen, zu verehren. Noch heute 
steht daselbst eine Figur dieses Heiligen auf einem kleinen Eck 
brettchen neben der Schänke. Wie bekannt, hatte Gambrinus 
ein spitzes Näschen. Doch die Abbildung in Spangenberg unter 
scheidet sich dadurch von dem Original, daß er hier mit einer 
stumpfen Nase dargestellt ist. Das hat folgenden Grund: Bei einer 
Renovierung der Gaststätte hatte der Weißbinder mit seine,r 
Leiter dem Schutzhcrrn die Nasenspitze abgestoßen. Der Gam 
brinus wvrt hatte nun mit einer Feile die Nase von allen 
Seiten ein bißchen bearbeitet und dadurch hat der Schutz 
herr den Namen „Der stumpfnasige Gambrinus von Spangenberg" 
erhalten. Seiner Zeit machten viele frommen Pilger aus aller 
Welt ihre Bittgänge zum stumpfnäsigen Gambrinus nach 
Spangenberg. Auch gegen Hexerei wurden Bittgänge nach dort 
unternommen und sollen große Wunder gewirkt haben. Noch 
heute erzählt man in Binsförth von solch einem Bittgang der 
dicken Lore und dem Nachbar Christian. Die Sache lag so: 
Der dicken Lore ihre Ziege wollte nach dem letzten Lammen 
gar nicht mehr richtig fressen. Lore hatte ihr schon allerlei 
Tee gekocht und zwar von alten Erbsreiserln und Bohnen 
stangen, aber nichts wollte helfen. Zuletzt kam sie dahinter, daß 
die Ziege behext war. Denselben Fall hatte der Nachbar Christian 
mit seinem Gaule. Christian und Lore legten nun das Gelübde 
ab, einen Bittgang nach Spangcnberg zu machen. Man hatte 
fllch. geeinigt, am zweiten Freitag im November, morgens 
um Vs7 Uhr, den Gang gemeinsam anzutreten. Da es um diese 
Zeit schon so ein bißchen kalt ist und man damals noch keine 
Unterhosen kannte, zog die dicke Lore ihr schiveres Beiderwand- 
Kleid an. Christian warf sich seinen dicken Wams über und zog 
die Katzenfellkappe auf. Es sollte der Weg über Altmorschen 
eingeschlagen werden. Als beide vor Altmorschen angekommen 
waren, graute bereits der Tag, doch leider fing es leise an zu 
regnen. Die dicke Lore wollte nun nicht, daß ihre Haare naß 
werden sollten und zog ihren Rock von hinten über den Kopf. 
Bei dem Ueberziehen des Rockes hatte sich die Lore nun gehörig 
vertan. Sie hatte nämlich aus Versehen auch ihre Unterwäsche 
mitgefaßt und das nicht bemerkt. Daß nun alle Menschen über 
sie lachten, konnte Lore gar nicht begreifen. Am Dorfausgange 
entdeckte sie erst den großen Irrtum. „Du Schafskopf", sagte 
sie zu ihrem Nachbarn Christian, „warum sprichst du mir denn 
nicht, was mir da passiert ist." Christian antwortete: „Ja 
Lore, ich wußte doch nicht, wie Du Deinen Bittgang gelobet hattest!" 
Doch soll nach alter Ueberlieferung die Ziege und auch das 
Pferd von Stunde an wieder gesund geworden sein. 
Kürzlich ivar es einem Kaufmann aus Spangenberg gelungen, 
einen Ballen Fahnenstoff einzukaufen. In Landefeld, Pfieffe und 
Metzebach war dies am ersten bekannt geworden. Gemeinsam 
wurde von diesen drei Dörfern der Ballen Stoff eingekauft 
und bis zur Teilung zu treuen Händen bei dem Rathauswirt 
abgegeben. Bei einer großen Siegesfeier wollten diese drei 
Dörfer mal alle Ortschaften des Kreises Melisungen ausstechen. 
Am zweiten Sonntag nach dem Einkäufe sollte der Stoff geteilt 
werden. An diesem Tage fanden sich aus jedem der drei Dörfer 
fünf Vertrauensmänner, in der Rathausschänke ein. Selbst 
verständlich wurden erst einige Schoppen getrunken, dazu hatte 
der Rathauswirt auch noch etwas ganz besonderes für diese Gäste 
in seiner Kiste. Nach und nach kehrte ein frohes Leben in der 
Bude ein. Abwechselnd wurden Kampf- und Soldatenlieder ge 
sungen. Gar schnell waren die fröhlichen Nachmittagsstunden 
vergangen. Doch nun muß zur Teilung geschritten werden. Der 
Führer der Vertrauensmänner von Metzebach erklärte nun: 
„Ich benötige neun Meter von dem Fahnenstoff." Die Ver 
trauensmänner von Landefeld und Pfieffe widersprachen dem 
Antrage und sagten: „Das Stück ivird in gleiche Teile ge 
schnitten." Als nun die Mehebächer auf ihrem Antrag bestanden, 
gab es eine ganz gehörige Reiberei, die in eine wilde Rauferei 
ausartete. Der Ballen Fahneustoff war schon einige mal in der 
Gaststube hin und her geflogen. Tische und Stühle fingen an, 
aus dem Leim zu fallen. Bon Minute zu Minute steigerte 
sich der Tumult, Alle warnenden Worte des Rathauswirtes 
gingen in dem Lärm unter. Mit wässerigen Augen schaute der 
heilige Gambrinus von dem Eckbrettchen auf seine Schutzbe 
fohlenen herab. Immer wieder versuchte der Gambrinuswirt, Solo 
zu machen. Doch als er einsah, daß er sich nicht durchsetzen konnte 
schickte er heimlich sein Küchenmädchen zum Theobald und ließ 
ihn bitten, doch mal umgehend zn ihm zu kommen. In dem 
Augenblicke, als Theobald die Gaststube betrat, flog gerade der 
Schutzhcrr Gambrinus von seinem Eckbrettchen in großem Bogen 
herunter und mitten in den Gläser-Spülkasten. Beim Ein 
treten Theobalds wurde sofort Halbzeit gemacht. Doch diesem 
blieb beim Anblick der Wüstenei voll und ganz die Spucke 
weg. Am meisten ivar er erschüttert darüber, daß der heilige 
Gambrinus im Spülbecken lag und sein stumpfes Naschen 
nur etwas rausguckte. Wie oft hatte auch er schon in seinem 
Leben den Schutz des heiligen Gambrinus in Anspruch nehmen 
müssen. Als sich Theobald von seinem ersten Schrecken ein 
wenig erholt hatte, bekamen die Vertrauensmänner was zu 
hören. „Ihr Lanne-Brüderj," schrie er sie air-, „Ihr juollt 
Preußen sein und veranstaltet hier an dieser geweihten Stätte 
solch einen wilden Hexentanz! Schämen müßt Ihr Euch im ganzen 
Hessenlande. Wenn man Euch nicht kennen würde, dann sollte 
man wirklich glauben, Ihr wäret französische Engländer. Noch 
im vorigen Herbst habt Ihr so schöne dicke Kartoffeln be 
kommen und auch in diesem Jahre sollen Euere Dickwurzeln 
wieder so schön stehen: das seid Ihr doch wirklich nicht wert, Ihr 
mollige Lannebrüder. Es ist ja ganz schön, daß Ihr Lannebrüder 
so ein bißchen Krawuppzitüt in Euch habt, doch was Ihr hier 
angestiftet habt, das geht über die Hutschnur und dafür muß 
nun die ganze Laune büßen." 
An Ort und Stelle setzte sich Theobald mit dem Land 
ratsamt in Verbindung und ließ über die ganze Laune auf 
85 Jahre ein Alkoholverbot verhängen. Nun wurde dafür Sorge 
getragen, daß der heilige Gambrinus wieder auf fein Eck- 
brettchen kam, und daß die Gaststube entrümpelt wurde. Theo 
bald hatte sich neben den Kachelofen gesetzt und schaute traum 
versunken auf die Erde. Als es den Lanncmännern klar geworden 
war, was sie angerichtet hatten, gaben sie sich die größte Mühe. 
mit Theobald wieder eine Versöhnung herbeizuführen. Doch 
alles war vergebens. Er gab ihnen auf keine Frage Antwort. 
Der starke Johannes von Metzebach kannte nun Theobalds 
Lieblingslicd, das ihn bis heute noch jedesmal bezwungen hat. 
Mit kräftiger Stimme fing der starke Johannes an zu singen 
„Der Jäger aus Kurpfalz", und alle Vertrauensmänner sangen 
feste mit. Schon bei dem zweiten Verse stand Theobald mit dem 
Rücken au der Stubentür und schlug mit dem Ellenbogen den 
Takt gegen die Tür. Am Schluß des Liedes setzten sich alle an 
einen großen Tisch und Theobald gab als erster eine Runde. 
Nachdem nun noch einige Gedanken ausgetauscht waren, sagte 
Theobald: „So, Ihr Männer aus der Laune, nun bestimme ich 
hier, wie die Fahne geteilt wird. Landefeld bekommt also 
die Hälfte von dem ganzen Stück, weniger 6 Meter. Pfieffe 
bekommt ein Drittel von dem ganzen Stück und 2 Meter, den 
verbleibenden Rest von neun Metern bekommt Metzebach." Wie 
gesagt, so getan. Alle waren einverstanden. Eine Runde folgte 
nun der anderen. Immer wieder wurde „Der Jäger aus Kurpfalz" 
angestimmt. Gambrinus, welcher inzwischen trocken geworden war, 
schaute nun wieder mit einem wonnigen Wohlbehagen auf seine 
Schützlinge herab. In vorgerückter Stunde wurde nach einem 
Schlußworte des Vertrauensmannes Kasper der gemütliche Abend 
beendet. Nach Verlautbarung soll am nächsten Tage das Alkohol 
verbot wieder aufgehoben worden fein. Das schönste von der 
ganzen Sache ist, daß die Vertrauensmänner auf dem Heimwege 
den Fahncnstoff verloren haben. Nun, liebe Soldaten, rechnet 
mal aus, wie groß war das Stück Fahnenstoff'? Schickt die 
Lösung ein an Ortsgruppenleiter Steinbach, Heinbach. 
Richtige Lösungen auf die Aufgaben in Nr. 34 gingen ein von: 
Obergefr. Chr. Jakob, Fcldw. G. Fischer-Beiseförth, Obergefr. 
F. Meister-Röhrenfurth, Hauptmann Schließer-Felsberg, Kan. 
Gipper-Genfungen, Uffz. H. Röver-Melsungen, Uffz. G. Frank- 
furt-Heinebach, Sold. Angersbach-Ncuenbrunslar, Uffz. A. Gagel- 
Spangenberg, Rttf. O. Pfeiffer-Guxhagen, Gefr. H. Wagner- 
Eubach, Obergefr. A. Möller-Rhündä, Uffz. E. Schäfer-Neuen 
brunslar, Gefr. K. Harbusch-Melsungen, Obergefr. H. Küll- 
mer-Heinebach, Leuchen Bäcker-Waldau, Helma Berge-Dagoberts- 
hausen, ^-Panzer-Grenad. W. Wagener - Altmorschen, Sold. G. 
Hoffmann (muß wohl von Kirchhof sein.) 
Brunnen an der Landstraße zwischen Altmorschen und Heinebach. 
Foto: Heine! 
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