Full text: Unser ist der Sieg (Nr. 39, Januar/Februar 1944)

Leider hatte die Zeitentwickelung zu rein materiellem Denken 
den Menschen in seinem Bildungsideal ohne tiefe Naturkennt? 
nis als gegeben erachtet. Alles, was aus ihr, der Naturkenntnis,, 
insbesondere dem Gebiet der Botanik kam, wurde nach reinen 
Nützlichkeitswerten, nach einem Apothekerwissen und nach Küchen 
bedürfnissen angesehen. Man kann sagen, es lag wie ein Makel 
unedler Abkunft auf ihr. Daß dies so war, dafür ein ge 
schichtliches Beispiel. Als Goethe 1787 in Italien, im kleinen 
Städtchen Padua, den dortigen botanischen Garten besichtigte 
und zu botanischen Studien gelangte, die ihren Niederschlag 
in seinem einzigen naturwissenschaftlich pilosophischen Werk 
„die Metamorphose (Umgestaltung) der Pflanze", fand, da stand 
dieses Werk neben seinem damals vollendeten „Faust". Letzteres 
Werk eroberte die Welt, während sein naturwissenschaftlich 
pilosophisches Werk von der damals sich gebildet bezeichnendem 
Menschenschicht abgelehnt wurde. Heute erkennen wir, daß 
damals ein Neues in der Geistesgeschichte der Menschen be 
gann. denn wie sonst selten am Erdenrund einten sich darin Nü- 
tur- und Menschengröße. Goethe schrieb damals an Frau von 
Stein folgende bedeutsamen Worte: „Es ist erfreuend und be 
lehrend, hier unter einer Vegetation umherzugehen, die uns 
fremd ist. Bei gewohnten Pflanzen sowie bei anderen längst be 
kannten Gegenständen denken wir zuletzt gar nichts, und was 
ist Beschauen ohne Denken? Hier in dieser, neu mir cntgegew- 
tretenden Mannigfaltigkeit wird jener Gedanke immer leben 
diger, daß man sich alle Pflanzengestalten vielleicht aus einer ent 
wickeln könne. Hierdurch würde es allein möglich fein, Geschlech 
ter und Arten wahrhaft zu bestimmen, welches, wie mich dünkt, 
bisher sehr willkürlich geschieht. Auf diesem Punkt bin ich in 
meiner botanischen Philosophie steckengeblieben, und ich sehe 
noch nicht, wie ich mich entwirren will. Die Tiefe und Breitlei 
dieses Geschäfts scheint mir völlig gleich." — Das schrieb ein 
Wolfgang von Goethe. — Als Erinnerung steht heute noch zu 
Padua im botanischen Garten die Goethepalme. 
Immer, wenn die Botanik mal den Anlauf nahm, heraus 
aus kleinlichem Fachwissen zu springen, ihren eigentlichen Wert 
zu erlangen, ihr Wort zu sagen im Rat der Geister über der 
Welten Sinn und der Menschen Bestimmung, da ging es ihr 
immer so wie seinerzeit unserem Goethe. Das gesellschaftliche 
Bildungsideal damaliger Zeit benötigte Botanik und Natur- 
kenntnis nicht. Darin sah man nur eine Absonderlichkeit.! 
Was wir als zeitliche Menschen aus dem tiefen Forschen 
und Erkennen in der Natur- und speziell in der Pflanzen-,' 
Kunde gewinnen, sind unersetzliche Werte für Lebens- und 
Kulturbedürfnis und daneben hinaus für unsere Seelenhaltung. 
Wie schön und erbauend schon einfache, kleine Pflanzenstu- 
studien sein können, ergibt sich schon aus dem Nachdenken 
darüber, daß wir bei der Pflanze, allgemein gedacht, vor Wahr 
nehmungen stehen, die uns beeindrucken müssen. Sie kann Dinge 
hervorbringen und Lagen meistern, die den sogenannten höheren 
Lebewesen nicht möglich sind. Die Pflanze lebt überall in 
ihren Etnzelartenwesen, auf und unter der Erde, auf und unter 
dem Wasser, in und auf dem Eise und in der Luft. Sie erzeugt; 
alle Formen, Farben, Düfte und Gifte. Denken wir einmal an 
unsere schönste Pflanzengruppe, die Blumen, und betrachten sie 
nicht nur als gegeben, sondern sammeln wir Erkenntnisse an 
ihnen. Wir werden dabei staunen und viel gewinnen. 
Meine Gedanken, die ich Euch vermittelte, mögen dazu an 
getan sein, Euch, die heute draußen am Feinde stehen, oder sonst 
wo fern der Heimat ihren Posten zur Erringung des Sieges aus 
füllen, für Stunden der Ruhe oder Rast einen Unterhaltungsstofs 
nahe zu bringen, der immer zur Hand ist. Pflanzen in der 
Mannigfaltigkeit der Arten gibt es überall, und wenn der eine 
oder andere von Ihnen Gewinn aus meinem in großen Zügen 
Vermitteltem hat, so ist sein Zweck erreicht. 
Anschließend will ich für alle die, die aus unserem kleinen 
Dörfchen draußen am Feind stehen, noch einen kurzen Jahres 
bericht über die wichtigsten Ereignisse von hier geben. An Zu 
wachs erhielten wir vier stramme Buben, Johannes Dippel 
als 4. Kind den dritten Buben und eine zugezogene Familie 
Thiel einen Buben und eine zugezogene Famillie Heinz 
Zwillingsbuben. Todesfälle hatte die Zelle zwei, Wilh. Eifert 
als Unfall und Konrad Römer, der schon länger krank war. 
Auf dem Felde der Ehre blieben bisher Wilhelm Stücken d, 
Ernst L u tz k e und Walter B r e h m, verwundet wurde Willi 
Schoenewald, Tapferkeitsauszeichnungen erhielten Willi Schoene- 
wald und Fritz Hucke das EK. 1 und 2 und das Inst-Sturm- 
abzeichen, Heinr. Wagner das EK. 2, Hans Steinbach und Ju 
stus Kurzrock das Kriegsverdienstkreuz 2. Kl. mit Schwertern. 
2m März 1943 rückte unser Zellenleiter Georg Groh erneut 
ein und steht heute an der Ostfront. 
Was unsere kleine Zelle mit ihren 42 Haushaltungen an 
Opfersinn geldlicher Art im vergangenen Jahre aufbrachte, spie 
gelt sich in folgenden Zahlen: 
Es wurden freiwillig für das Rote Kreuz 844,20 RM., für 
NSB. und WHW. 2227.72 RM.. zusammen 3071,92 RM. 
gespendet und gesammelt. Hieraus kann unzweideutig die Hal 
tung der Heimat in diesem Schicksalsknmpf gewertet werden, 
denn wie hier, ist es überall im deutschen Vaterland. 
Unser Dörfchen steht vorwiegend in den Reihen des Nähv- 
standes und erfüllt hierbei jährlich voll seine Pflicht, und kommen 
die Wintermonate, so erklingen in seiner Umgebung verstärkt die 
alten und modernen Arbeitsgeräte beim Holzeinschlag und 
hallt das Jagdhorn in den Bergen wider, dann find die Jäger 
beim waidwerken. 
So steht die kleine Dorfgemeinschaft festgeschlossen im 5. 
Kriegsjahr des harten Ringens um des Reiches Zukunft und 
Bestand, jeder auf seinem Posten, jeder bereit, das Letzte ein? 
zusetzen, um sich würdig zu erweisen der Taten unserer Soldaten 
draußen am Feind. In diesem Bewußtsein des festgefügten 
Zusammenstehens unseres ganzen Volkes, grüße ich als Auf- 
tragausführender alle unsere Soldaten unseres Dorfes und 
darüber hinaus alle die, die unsere Frontzeitung lesen, von einem 
stillen Walddörfchen aus der Heimat der Kurhessen. 
Heil Hitler! F. Kaufmann, 
Zcllenivalter der NSB^ 
Zelle Heina. 
Liebe Kameraden! 
Eure Heimat liegt noch in tiefer Winterruhe. In der ge 
wohnten Winterpracht konnten wir unser Dörfchen mit seiner 
herrlichen Umgebung bis jetzt nicht schauen. Die Jugend ist 
mit diesem schlappen Winter sehr unzufrieden, mußte sie doch 
auf die Freuden des Wintersportes verzichten. Nur Regen 
und neues Patschwetter hat er uns gebracht. Die im Somme» 
und Herbst sehr stark ausgetrocknete Erde kann nun wieder 
reichlich Feuchtigkeit aufnehmen. Die Quellen unserer Wassev- 
leitung waren vollständig versiegt. Bis Weihnachten mußte 
sämtliches Wasser gepumpt werden. Oft konnte man hören: 
„Es ist doch gut, daß die Anlage in der Gosse gebaut wurde, 
sonst müßten wir wie früher das Wasser aus der Fulda holen." 
Bei der heutigen Anspannung aller Arbeitskräfte wäre eine 
solche Belastung unerträglich. 
Heinrich Weitzel, Karl Horn und Heinrich Jäger sind nun 
auch eingezogen. Die Holzabfuhr muß nun von den anderen 
Bauern übernommen werden. Was ereignet sich sonst so daheim? 
Still und unverdrossen geht das Leben seinen Gang. 
Zur letzten Ruhe geleiteten wir Heinrich Steinbach, Frau 
Anna Bierwirth und Konrad Wilhelm. Diese drei wackeren 
Alten, die noch sehr rüstig waren, werden besonders im Sommer 
sehr vermißt werden. 
2m Lazarett sind noch die Kameraden: Johannes Horn, 
Georg Menget, Georg Schmauch und Fritz Zülch. Heinrich Ger- 
lach ist entlassen. In Urlaub weilt augenblicklich Wadeck. 
In treuer Verbundenheit und alles Gute wünschend, grüßt 
Euch alle Eure liebe Heimat. Euer H. Völpert. 
Auf Posten im Westen 
Bon Grenadier Karl Nägel - Ellenberg. 
Einsam stehe ich aus Posten 
In stiller, mondenklarer Nacht, 
Und richte meine Blicke weit nach Osten, 
Wo jetzt derselbe Mond die ferne Heimat still bemacht. 
Ueber Welschland's weite Auen 
Schweifen die Gedanken fort. 
Sie lassen mich im Geist mein Hessenländchen schauen 
Und den geliebten, kleinen Heimatort. 
Vor mir sehe ich erstehen, 
In herbstlich bunter Farbenpracht, 
Des Quillerwaldes sanfte Höhen, 
Auf denen bleich des Sommers letzte Sonne lacht. 
Hinunter fällt der Blick ins Tal, 
Wo kühn umschreibt die Fulda ihren Bogen, 
Wo ich als Kind so manches Mal 
Froh, sorglos bin einhergezogen. 
Wie herrlich bist du doch, geliebtes Heimatland, 
Mit deinen Bergen, deinen schattigen Wäldern, 
Den schmucken Dörfern und den Aehrenfeldern, 
Und mit den Wiesenmatten an der Fulda Strand. 
Um mich erhebt sich leis ein kühler Wind, 
Bricht flüsternd sich an meines Stahlhelms Blende. 
Der erste Morgennebel steigt, 
Ich reibe fröstelnd mir die Hände. 
Noch versunken in Gedanken schaue ich nach meiner Uhr, 
Bald ist zu Ende meiner Wache zweite Stunde. 
Ich war daheim, wenn auch im Geiste nur, 
Zufrieden geh ich meine letzte Runde. 
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