Full text: Europäischer Frieden

70 
das nicht schon um das Jahr 1570 sich zu dem neuen Glauben 
bekannte, während unter den deutschen Gauen eine ganze Anzahl 
heute der katholischen Kirche angehören, die durch Blut und 
Gewalt zu dem alten Glauben zurückgewonnen wurden. Das 
beweist, daß die schöpferische Kraft des Luthertums sehr bald 
versiegt war, und es muß wohl im deutschen Charakter liegen, 
daß er eine ideale Anspannung, wie sie Luthers Werk erforderte, 
auf längere Zeit nicht ertragen konnte, denn schon zu der Zeit, 
da der große Reformator starb, war das jugendfrohe Volk eines 
Hutten und Dürer kaum wiederzuerkennen. Die deutsche Nation 
war nicht imstande, die Selbständigkeit ihres Glaubens und 
ihres Staates zu behaupten. Auf den rühmlosen Feldzug der 
Schmalkaldener folgte die spanische Herrschaft. Dann trat ein 
kurzer Rückschlag ein, die Rebellion des sächsischen Kurfürsten • 
Moritz warf des Reichs alte Ordnung über den Haufen und die 
Macht der Landesherren triumphierte über die kaiserliche 
Monarchie. Endlich ging aus der Erschöpfung beider Teile der 
Augsburger Religionsfriede hervor, das Werk der vereinigten 
dynastischen Politik der Habsburger und der Albertiner, und 
damals begann jene unselige deutsche engherzige Kleinfürsten 
politik des Wollens und Nichtwollens, die mit ihrer bedachtsamen 
Seelenangst ganz vereinzelt in der Geschichte steht und eine 
politische Sündenschuld aufhäufte, die die heutigen Träger des 
deutschen Namens noch nicht haben abtragen können. Kursäch 
sische Hoftheologen und Hofjuristen haben den Augsburger 
Religionsfrieden als eine Tat des Segens gepriesen: Deutschland 
sollte angeblich ausruhen unter dem Schirm kirchlicher Duldung, 
während im Ausland Scheiterhaufen flammten! Als ob nicht die 
Idee der religiösen Duldung dem Jahre 1555 ebenso unbekannt 
gewesen wäre wie die Eisenbahnen und Telegraphen. Nicht die 
deutsche Nation erhielt mit dem Frieden die Freiheit, ihres 
Glaubens zu leben, sondern nur den Landesherren war das Recht, 
sich zu dem Augsburgischen oder zu dem alten Bekenntnis zu 
halten, Vorbehalten, für ihre Untertanen aber galt der Grundsatz: 
cuius regio eius religio. Die Zeit nach dem Augsburgischen 
Religionsfrieden bedeutet die schimpflichste Epoche der deutschen
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.