Full text: Europäischer Frieden

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Frieden“. So ist es auch heute mit Europa. Mit allen Fasern 
seines Seins sehnt es sich nach Frieden. Alle Teile, sowohl die 
einstmaligen Streiter, als auch die neutralen Staaten, leiden wirt 
schaftlich noch grenzenlos unter den Nachwirkungen der langen 
Kämpfe und wirtschaftlichen Erschütterungen und haben alle 
das brennende Verlangen, daß endlich wieder ein volles Friedens 
verhältnis in Europa hergestellt wird. Friede auf dem europä 
ischen Festland kann aber nur dann einkehren, wenn es gelingt, 
den Kontinent, ähnlich wie Hmerika, zusamrnenzuschließen und 
aus den vielen sich feindlich gegenüberstehenden Einzelstaaten 
eine große Einheit herauszukristallisieren. Um eine solche Ein 
heit Europas zu gewinnen, gibt es zwei Möglichkeiten: einmal 
die Form einer Universalherrschaft oder die eines europäischen 
Staatenbundes. Der erste Gedanke ist namentlich im Mittelalter 
wiederholt zu verwirklichen versucht worden. Deutsche Kaiser, 
namentlich die Ottonen und die Hohenstaufen, haben eine 
europäische Hegemonie unter der Herrschaft ihrer Familie zu 
gewinnen versucht, doch ohne Erfolg, Dann hat Frankreich den 
Gedanken aufgenommen und unter der Herrschaft seiner großen 
Ludwige, und später unter den Napoleonidcn den Gedanken zu 
verwirklichen gesucht, und zwischen hinein hat auch das Haus 
Habsburg mit großem Geschick und viel Glück an der Ver 
wirklichung des Gedankens gearbeitet. Riesige Blutopfer sind 
diesem ehrgeizigen Ziele einzelner europäischer Herrscherge 
schlechter geopfert worden und man sollte in der Neuzeit sich 
eigentlich darüber klar sein, daß sie nur einem Phantom geopfert 
worden sind, weil der Gedanke einer Universalherrschaft einer 
Familie oder der Ueberordnung eines Staates über alle anderen 
unüberbrückbare Feindschaft bei den anderen Staaten auslösen 
und so über kurz oder lang den Gedanken zum Scheitern bringen 
muß. Einmal ist jedoch, und zwar im Mittelalter, mit Erfolg 
und Geschick versucht worden, einen großen europäischen Staaten 
bund zu bilden, und das geschah durch den großen französischen 
König Heinrich IV. und seinem Minister, dem Herzog von 
Sully. Die neuere Geschichtsschreibung neigt zwar dazu, den 
ganzen Plan als ein Phantasiegebilde zu bespötteln. Aus den
	        

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