Full text: Europäischer Frieden

54 
Salisbury den Kaiser an Bord seiner Yacht „Hohenzollern“, die 
vor Cowes ankerte, zu einer bestimmten Zeit aufsuchen solle. 
Die Audienz war geheim gehalten worden. Der Kaiser wartete 
mit Eckardstein zur angegebenen Zeit, aber eine Viertelstunde 
nach der anderen verstrich, ohne daß Lord Salisbury erschien. 
Der Kaiser, der nicht gewohnt war, zu warten, war über diese 
Verspätung höchst aufgebracht, und als nach etwa einer Stunde 
der englische Ministerpräsident erschien und seine Verspätung 
damit entschuldigte, daß er einen Barkassendefekt gehabt habe 
und unmöglich zeitiger habe kommen können, war der Kaiser 
noch so irritiert, daß er auf eine sachliche Verhandlung so gut 
wie nicht einging. Man kann diesen Barkassendefekt geradezu 
als Treppenwitz der Weltgeschichte bezeichnen, denn als Lord 
Salisbury den Kaiser zur Besprechung aufsuchte, ging sein Plan 
auf nichts Geringeres als auf den Vorschlag eines Bündnisses 
zwischen England, Deutschland und Oesterreich mit dem aus 
gesprochenen Zweck der Aufteilung der Türkei. Jedenfalls ver 
lief diese so wichtige Besprechung vollkommen ergebnislos. In 
den folgenden Jahren versuchten nun der deutsche Botschafter 
Graf Hatzfeldt und der englische Minister Chamberlain und 
auch Salisbury nochmals wiederholt, ein Bündnis zwischen 
Deutschland und England zustande zu bringen, weiter wurden 
Mitte März und Ende Mai 1901 sogar eigentliche Bündnis 
verhandlungen zwischen England, Japan und Deutschland in 
London geführt, aber das Berliner Auswärtige Amt hatte offen 
bar die Tragweite dieser wichtigen Verhandlung nicht erkannt. 
Die Folge war, daß Deutschland seine Vertreter anwies, nicht 
weiter zu verhandeln, und so kam der Vertrag nur zwischen 
England und Japan zustande, und damit war der Grundstein zur 
Einkreisung Deutschlands gelegt. Wer sich näher über diese 
Frage unterrichten will, braucht nur die Denkwürdigkeiten des 
Botschaftsrats Baron Eckardstein zu lesen, die im vorigen Jahre 
erschienen sind. In dem Briefwechsel zwischen Kaiser Wilhelm 
und Kaiser Nikolaus, der neuerdings veröffentlicht worden ist, 
findet sich auch unter dem 30. Mai 1898 ein Brief, worin der 
Kaiser seinem Freunde schreibt; „Um Ostern herum sandte ein
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.