Full text: Europäischer Frieden

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Rücksicht auf die ihm bekannten Schwächen der deutschen 
Politik, und daß es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit 
war, diesen Fehler zu bekämpfen. Sehr richtig sagte Graf York 
von Wartenburg in seiner Weltgeschichte in Umrissen: „Was 
Bismarck noch an der Einheit fehlen ließ, absichtlich und wohl 
überlegt, und es ist noch viel auch in necessariis, das sollen 
wir schaffen und ergänzen; nostra culpa, nostra maxima culpa, 
wenn es so bleiben sollte, und würde dann auch die schwerste 
weltgeschichtliche Strafe nicht ausbleiben. Aber so lange unsere 
Parteiführer meinen, an dem kaum festgewurzelten Baume des 
neuen Reiches rütteln und ihn rechts und links hinbiegen zu 
können, solange schwebt über uns die Gefahr, der Griechenland 
erlegen ist.“ 
Im Zusammenhang damit erwähne ich, was ein englischer 
Geschichtsschreiber, Holland Rose, schreibt: „In den dunklen 
Tagen der früheren Regierung war Deutschland schwach, zer 
rissen und hilflos. In Bezug auf politisches Leben und Industrie 
war es noch in den Kinderschuhen und seine Bemühungen, aus 
dieser Zurückhaltung und aus der Umschnürung der alten Kon 
föderation herauszukommen, schienen fruchtlos gewesen zu sein, 
so wie es 1815 gewesen war. Äber das Auftreten des Königs 
Wilhelm und seines mächtigen Helfers änderte die Situation. 
Die politischen Probleme wurden eins nach dem anderen an 
gefaßt und entscheidend gelöst. Die Einheit wurde gewonnen 
durch Bismarcks Diplomatie und Preußens Schwert, und als 
das langersehnte Ziel endlich in sieben Jahren erreicht war, mußte 
die schwierige Aufgabe unternommen werden, die Einheit zu 
konsolidieren. Dank der Qualitäten, dem Mut und der Ehren 
haftigkeit der Hohenzollern ist das gelungen. Der weite Blick, 
die sichere Voraussicht, die Stärke des Willens und die Ge 
schicklichkeit in der Wahl der Mittel, alles Dinge, welche die 
imponierende Persönlichkeit Bismarcks ausmachten, kamen dazu, 
und so hat der alte Diplomat recht, der die Resultate von 1870 
dahin zusammenfaßte: Europa hat einen Herrn verloren, aber 
einen Herrn bekommen. Nach einem Menschenalter, während 
dem der Militarismus regierte, sind wir fähig, die Gewalt dieser
	        

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