Full text: Europäischer Frieden

34 
Wie die englische Politik die Streitlage beurteilte, ergibt 
sich aus zwei Privatbriefen, die der langjährige Leiter der eng 
lischen Außenpolitik Lord Palmerston einige Zeit vorher an 
den König Leopold von Belgien und den englischen Gesandten 
in Berlin richtete und die der Chronist von Palmerstons Leben 
berichtet: „Was nun Oesterreich anbelangt, so muß wohl jeder, 
der Wert darauf legt auf die Erhaltung des europäischen Gleich 
gewichts, seine gegenwärtige hilflose Lage beklagen und jeder, 
der nur irgend mit wenig Voraussicht begnadet ist, muß in 
seiner langen Zeit gesehen haben, daß Schwäche und Verfall 
die unabwendbaren Folgen des Metternichschen Regierungs 
systems sind, obwohl sicher niemand erwartet haben kann, daß 
der innerliche Verfall so bald und so vollständig sich gezeigt hat. ... 
Ich kann Ihnen heute nur ein paar Zeilen schreiben mit der 
Bitte, die preußische Regierung zu ersuchen, keine Feindselig 
keiten gegen Dänemark zu beginnen. Mitteleuropa sollte wirklich 
vereinigt bleiben, um vereint Stellung zu nehmen gegen die 
Gefahren, denen es vom Westen und vom Osten ausgesetzt ist, 
und sollte keinen Bürgerkrieg beginnen als Vorbereitung für 
einen auswärtigen Krieg, in den es verwickelt werden könnte.“ 
Die Leitlinien der englischen Politik waren folgende: Den 
Frieden zu erhalten, solange als möglich, aber ihn zu erhalten 
durch Ausübung und nicht durch Aufgabe des englischen Ein 
flusses, die Unversehrtheit und Unabhängigkeit von Belgien zu 
unterstützen, solange die Belgier selbst willens waren, sie zu 
erhalten, die Entwicklung der deutschen Einheit zu fördern, sei 
es in der Gestalt von ein oder zwei deutschen Mächten, die 
stark genug sind, um gegen jeden Angriff von Frankreich und 
Rußland Stellung zu nehmen, schließlich sich nicht einzumengen 
in irgendeiner Form in die französische Regierung, aber auch 
anderseits nicht nachzulassen mit Widerstand, falls die Franzosen 
suchen sollten, ihre inneren Schwierigkeiten durch einen äußeren 
Angriff zu entlasten. 
England suchte damals Anschluß bei den Mittelmächten, 
weil es in Frankreich seinen natürlichen Gegner erblickte. Das 
zeigt sich aus einem Privatbrief, den Palmerston am 29. April
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.