Full text: Europäischer Frieden

15 
raten war, herauszubringen. Er war aber noch nicht 24 Stunden 
in Berlin, als er erkennen mußte, daß seine gute Absicht voll 
kommen undurchführbar sei. In seinem Tagebuch berichtet er 
hierüber: „Der König hält die Direktion der ganzen auswär 
tigen Politik seines Königreichs in der eigenen Hand. Baron 
Manteuffel und andere Offiziere und nichtoffizielle Würdenträger 
werden emporgehoben, beiseite geschoben, unterstützt und ver 
leugnet, so wie es der König wünscht. Es gibt niemand in 
Preußen, der genügend Unabhängigkeit besitzt, um die Art zu 
bedauern, oder ihm direkt zu widersprechen. Es scheint des 
Königs Lieblingsgedanke zu sein, sich von irgendeiner Partei 
im gegenwärtigen Krieg fcrnzuhalten. Er hat keine Vorliebe für 
Rußland und keine Sympathien mit dem Kriegsgrund, den die 
Alliierten hochhalten.“ 
In ganz ähnlicher Weise berichtet der letzte sächsische Ge 
sandte in London, Graf Vitzthum, in seinen Denkwürdigkeiten 
über ein Gespräch, welches er mit einem Beamten des Londoner 
Auswärtigen Amtes hatte. Dieser versicherte ihm: „Es gibt 
keinen Staat, der uns wärmere Sympathien, keinen unter den 
Großmächten, der uns geringeres Vertrauen einflößt, als Preußen. 
Es ist in den letzten 20 Jahren auch nicht eine europäische 
Frage aufgetaucht, in welcher das Berliner Kabinett eine prak 
tisch greifbare Politik befolgt hätte. Bei dem aufrichtigsten 
Wunsche, mit dieser Macht zu gehen, haben wir es nie dahin 
gebracht, darüber klar zu werden, was Preußen eigentlich will. 
Bald war es der König, bald die Kriegspartei, bald die ganz 
widersinnige Furcht vor Rußland, bald die Eifersucht auf Oester 
reich, bald der Bundestag, was weiß ich, immer gab es einen 
Grund, einen Vorwand, eine Entschuldigung für die Untätigkeit 
und die Politik des Zuwartens. Die fortwährenden Besorgnisse, 
es mit dem oder jenem zu verderben, hat zur Folge gehabt, 
daß Preußen, aus Furcht, sich Feinde zu machen, die Freund 
schaft seiner Freunde verscherzt hat. Sogar die Frage der 
Donaufürstentümer, welche durchaus kein preußisches Interesse 
berührte, ist dank der preußischen Unschlüssigkeit ungelöst ge 
blieben.“
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.