Full text: Landflucht

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Keine Erfahrung, aber ein Herz, das weiß, was gut 
und schlecht ist. Und ich will doch nicht schlecht werden, 
Martha! 
Martha: Schlecht, was heißt denn schlecht? Bin ich schlecht? 
Darf man keinen Schatz haben und sich küssen lassen? 
Darf ich mir nichts kaufen lassen? Soll ich nicht mit 
ihm ausgehen? Sei doch nicht so verbohrt. Sollen wir 
denn zu gar nichts kommen? 
Liesbeth: Ob wir dadurch zu etwas kommen, Martha, ich 
glaub's nicht. Doch du hast von jeher ein anderes Leben 
geführt wie ich. 
Martha: 2a, du hast brav hinterm Ofen gesessen und Pan 
toffeln gesteppt. Hast fleißig gesponnen und keinen 
Burschen angeguckt wie nur den Friedrich. Und mit dem 
hast du doch kein Glück gehabt, und wirst's auch nie 
haben. Aus dem Auge, aus dem Sinn, so denken alle 
Männer — dein Friedrich auch. — 
Liesbeth: Nein! 
Martha: Doch. 
Liesbeth: Kannst du's beweisen? 
Martha: Natürlich! Er hat sich mit der Lene verlobt. 
Liesbeth (verzweifelt): Also doch! 
Martha: Der Alte hat's durchgesetzt, hat das Bürschchen 
endlich bezwungen. Mach' doch so kein Gesicht, was ist 
dir denn, komm, wir wollen lieber Radio hören. Viel 
leicht gibt's etwas Schönes, meine Gnädige hat mir's 
erlaubt. 
(Sie stellen den Apparat ein. Es ertönt: Wer das 
Scheiden hat erfunden, hat an Lieben nie gedacht.) 
Du, Liesbeth, das paßt für dich! 
Stimme aus dem Radio: Erdgeruch, Mondenschein, Volks 
lied. Welch ein Zauber liegt in diesen Worten. Wenn 
Wiesen und Gärten reglos träumen, wenn die Lichter 
verlöschen, gehen Burschen und Mädchen auf der Dorf- 
straße spazieren und singen die alten lieben Weisen, die 
von Mund zu Mund weiter gegeben, im Volke leben und
	        

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