Full text: Landflucht

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Lorenz: Junge, Junge, seht ihr, waruin das so hart klingt. 
Ein Brett hat er im Hosenboden. Jetzt die zweite 
Ladung wird saftiger. 
Gespenst: Gnade, Gnade, schlagt mich nicht! Ich will euch 
auch etwas Schönes erzählen. 
Willi: Aber ein bißchen plötzlich! 
Gespenst: Meine Großmutter selig war eine grundgescheite 
Frau. Sie konnte Feuer und Blut besprechen, Brand 
wunden heilen, Brusthusten Kurieren und mit der Feder 
umgehen wie ein Advokat. Wo sie hinkam, war sie 
gern gesehen. Meine Großmutter sah und hörte vieles, 
was andere nicht erfahren. Manchen hat diese Gabe 
zum Guten geholfen. Einstmals war sie bei Bekannten 
zu Besuch. Sie schlief in einem abgelegenen Zimmer. 
In der Geisterstunde tat sich die Tür auf, eine große, 
graue Katze strich herein, setzte mit einem Sprung auf 
meiner Großmutter Bett und legte sich ihr auf die Brust. 
(Die Mädchen schreien aus.) 
Ja! Ihr Weibsbilder hättet natürlich euer letztes bißchen 
Mut noch verloren, wenn euch das passiert wäre. Meine 
Großmutter aber wußte nichts vom Fürchten. Die dachte: 
„Holla, da meldet sich was an." — Zehn Minuten 
später fliegt die Tür auf, ein großer, hagerer Mann, 
das reine Knochengerippe, kommt auf sie zu, erhebt den 
dürren Finger, deutet dreimal auf den Ofen und ver 
schwindet. Hinter ihm drein schleicht die Katze. Meine 
Großmutter schläft erst richtig aus, dann ruft sie die 
Hausbewohner, erzählt ihnen alles und rät, den Ofen 
abzureißen. Was meint ihr, was sie gefunden haben? 
Gold, schweres Gold, einen großen Topf voll, den die 
Vorfahren dort vergraben hatten. 
Lorenz: Feine Kiste! Wenn wir heute hier nur so ein Säck 
chen voll hätten zum Teilen. 
Willi: Kinder, Kinder, da sollt' es mal hoch hergehen in 
Vater Philipps Spinnstube. 
Philipp: Wollt ihr denn heute abend gar nicht singen? Ihr 
müßt doch das Lied lernen, das ihr euch gestern abend 
aufgeschrieben habt? Wollen's mal probieren.
	        

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