Full text: Grundzüge der Politik und der Religion

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gleiche menschliche Habgier ihre Gebeine nicht ruhen ließen. Wir haben 
nichts mit in diese Welt gebracht und werden auch nichts mit hinaus 
nehmen. 
Der englische Schriftsteller Bernhardt Shaw geißelte unsere Lehren, 
als er über Rußland gefragt wird. Er antwortet einem Journalisten: 
.„Rußland lehrt seinen Kindern gemeinnützige Anständigkeit, während wir 
sie lehren, ihre höchste Bestimmung darin zu suchen, reiche Faulenzer 
zu werden. Wenn Rußland so fortfährt, wird es alles bisher Dagewesene 
weit überflügeln.“ (Ja! Wenn es so fortfahren würde!!!) 
Dieses Werturteil über unsere Gelehrten und Lehren ist vernichtend. 
Es beweist uns aber den furchtbaren Ernst darüber, wohin das nicht- 
gelehrte Volk geführt wird, wenn es sich weiter führen läßt und nicht 
selbst das Steuer ergreift. 
Die Führung der Volkswirtschaft soll und muß vom Volke als ge 
schultes Ganzes ausgehen. Jeder Einzelne muß an der Staatspolitik, 
genau wie in der Gemeinde aktiv beteiligt sein. 
Bis heute ist das nicht der Fall. Die Parteimassen sind nur passive 
Mitglieder,, die nur als Stimmzettel betrachtet werden. Die Parteiführer 
an der Spitze der Partei sind von der Geheimwissenschaft oder den 
Logen und Orden aufgestellte Geheimpolitiker. Sie sind es, die die 
Politik aktiv und bewußt leiten. Die Reichstagskandidaten sind zwar 
vom Volke gewählt, aber dieses wurde vorher nicht befragt, sondern 
die Kandidaten wurden dem Volke mit den schönsten Empfehlungen 
präsentiert. Es wurde vorher nicht befragt, ob dieser oder jener Kandidat 
angenehm ist. Von unsichtbarer Hand wird dieser dem Volke vorgestellt. 
Dieser Zustand muß beseitigt werden. Zum mindesten müssen die 
Parteimitglieder von unten her abstimmen, ob sie diesen oder jenen 
aufgestellt wissen wollen. Selbst führen und sich nicht blindlings führen 
lassen ist einzige Rettung. 
Die Suggestionsgrundlage heißt: „Man wird suggeriert oder man 
suggeriert selbst.“ Der Zuhörer ist immer der Suggestionsgefahr aus 
gesetzt. Damit wir aber nicht nur Zuhörer bleiben, um von diesen Leuten 
Politik zu lernen, betrachten wir selbst die Volkswirtschaft der Gegen 
wart und der Vergangenheit und berechnen daraus die Zukunft, genau 
so, wie aus dem Kreisinhalt die Quadratwurzel zu errechnen ist. 
Nun das Lehrmaterial. Woher nehmen!? Alles was man siebte 
sieht man immer von einer Seite. Auch was historisch berichtet wird, 
ist nicht frei von Einseitigkeit. Über die ehrlichsten Philosophen be 
richten die Historiker fast gar nichts oder nur Entstelltes. Hierzu zählt 
zweifellos Christus, der historisch gar nicht erwähnt ist, obgleich er 
uns in jedem Datum vor Augen geführt wird, weil er das unterdrückte 
Volk belehrte und daher der größte Gegner der sogenannten Gelehrten 
wurde. Heute steht unser Volk genau so da v , wie das jüdische Volk zur 
Zeit Christi. Nur um soviel besser wie die Produktionsmittel im Volke 
und unter den Völkern unvergleichlich bessere sind, wenn diese zum Wohle 
des Volkes benutzt werden. Aber auch die Gefahr ist weit größer, weil 
die Kriegswerkzeuge, die sich immer nur gegen die passiven Staats 
angehörigen richten, unvergleichlich mörderischer geworden sind. Die 
aktiven Politiker sitzen bekanntlich am grünen Tisch, weit ab vom 
„Kr i egs theater“. 
Versuchen wir somit unser Wissen aus der Vergangenheit zu ziehen. 
Unsere Eltern usw. erzählen uns noch vom Zehnten, der abgegeben 
wurde, von Zwangsarbeit für die Lehnsherrn allwöchentlich an bestimm 
ten Tagen. Heute erkennen wir diese Leute noch an dem Wörtchen 
„von“ vor ihrem Namen und wissen, daß diese Leute so abgeschlossen 
vom Volke sind, daß eine Verheiratung zwischen ihnen und Bürgerlichen 
nach ihren besonderen Gesetzen verboten ist. Sie halten das Volk für
	        

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