Full text: Grundzüge der Politik und der Religion

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seines persönlichen Bedarfes. Alles was er konsumieren will, steht in 
seinem Belieben, aber nur nach seiner Leistung im Produktionsprozeß. 
Werte sind Wohnungsbesitz und sämtliche Einrichtungen, die Privat 
eigentum bleiben. Daß Grund und Boden niemals uneingeschränktes 
Eigentum bleiben können, lehrt uns die Vergangenheit. Aber auch das 
Eigentumsrecht des Adels lehrt uns heute noch, daß das Eigentum 
dieser Adelshäuser unverkäuflich ist. Es sind Fideikommisse. Die 
Auslegung dieses Fremdwortes kann jeder auf seine Richtigkeit nach 
prüfen. Diese Adelsrechte beweisen uns, daß in jenen Kreisen die Un 
möglichkeit des freien Bodeneigentums erkajint ist. Jedes adelige Mit 
glied hat nur das Recht auf die Rente, die dieser Grund und Boden ab 
wirft. Je größer der Stamm, desto kleiner der Anteil an der Rente. 
Die Verwaltung liegt gewöhnlich in der Hand des Stammesältesten, 
der wiederum dem Familienrate unterstellt ist, aber in diesem den 
Vorsitz führt. In welcher Form wurde nun die Rente eingeheimst? 
Im Kapitel 3 dieser Schrift Feudalherrschaft wurde erklärt, daß 
die Rente anfänglich im „Zehnten“ dem Adel geleistet werden mußte. 
Geld als Wertmesser gab es damals nicht. Nur die Feudalherren tätigten 
den Austausch ihrer Landesware, um Luxusgegenstände dafür einzu 
tauschen. Höfischer Prunk oder Blendwerk wurde eingeführt. Welchen 
Sinn sollte denn der Prunk haben? Irgend eine Idee mußte doch 
dahinter stecken. Glänzende Gegenstände waren als Schmuck schon 
bei den primitiven Völkern begehrt. Dieser Drang ist so alt als die 
Religion und steht im ursächlichen Zusammenhang mit ihr. Ohne Kennt 
nisse über die Entstehung der Religion oder des Zauberunwesens kom 
men wir der Entstehung des Prunkes und der Goldwährung nicht bei. 
Der Zauberpriester war ein Künstler in hypnotischen Dingen. Selbst 
der heutige Nervenarzt bedient sich dieser Wissenschaft. Er benützt in 
vielen Fällen zum Hypnotisieren ein Hypnotoskop. Dies ist ein stark 
glitzernder Gegenstand, den der Patient unentwegt scharf ansehen muß, 
während der Arzt Müdigkeit und Schlaf suggeriert. Der flimmernde 
Gegenstand ermüdet das Auge sehr schnell und schwächt das Denk 
vermögen fast plötzlich. Also alle glänzenden Gegenstände haben eine 
faszinierende Wirkung. Durch Glanz und Prunk wird der Uneingeweihte 
in einen Befangenheitszustand versetzt. Diese Wirkungen sollten durch 
den höfischen Prunk hervor gebracht werden. Der Glanz sollte eine 
magische oder Zauberwirkung haben; deshalb waren Edelmetalle und 
Edelsteine so geschätzt. Lebensmittel und Produktionsmittel spielten 
nur eine nebensächliche Rolle, da die Feudalherren daran keinen 
Mangel hatten. Wenn wirklich durch schlechte Ernten Mangel entstand, 
dann betraf das nur die Untertanen. Der Wert der Edelmetalle und 
der Edelsteine hatte mit dem Gestehungspreise der Lebensmittel und 
der Erzeugung von Gebrauchsgegenständen ganz und gar nichts zu tun. 
Daß Gold schließlich zum Wertmesser für Prunk wurde, erklärt sich 
einmal aus dem hohen, nie ermattenden Glanze, dann aus einem seltenen' 
Vorkommen und drittens aus der leichten Verarbeitungsmöglichkeit 
zum Schmuck und schließlich auch zur Münze. Dadurch wurde das 
Gold zum Wertmesser im internationalen Warenaustausch. In Wirklich 
keit eignet es sich ebensowenig zum Wertmesser für Bedarfsgegen 
stände wie Opium zum Nahrungsmittel. Sollten wir nicht vielmehr 
dem Sänger nachahmen im Goethe-Gedicht: „Der Sänger“, der da den 
Rittern sagt: „Die goldne Kette gebt mir nicht, .... Doch darf ich 
bitten bitP ich eins, laßt mir den besten Becher Weins in purem Golde 
reichen!“ Das Gold des Bechers war ihm gerade gut genug, um in 
Verbindung mit dem edlen Tropfen die köstlich-berauschende Wirkung 
zu erhöhen. Gold war Wertmesser für Luxusgegenstände, aber nicht 
für Bedarfsartikel. Es muß als Wertmesser aus der Volkswirtschaft
	        

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