Full text: Grundzüge der Politik und der Religion

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sichtigten, damit ja alles abgeliefert wurde. Die hauptsächlichste Ge 
walt übten die Alten dann durch Vergeben der jungen Weiber an die 
jagenden Männer aus. Das ganze Leben zwischen den männlichen und 
weiblichen Hordenmitglieder wurde nach und nach straff organisiert. 
Die dem Manne zugeteilte Frau trug die wenigen Habseligkeiten dem 
Manne nach, oder sie mußte Früchte sammeln, Wurzeln ausgraben oder 
Larven aus Bäumen hauen. Das Lagerleben war eine Drei 
teilung geworden. Die Führer waren die alten Leute. Die jagd- 
tüchtigen Männer mit ihren gleichaltrigen Frauen waren die andere 
Gruppe. Und die Jugendlichen, die besonders im Gehorsam erzogen 
wurden, war die niedrigste Gruppe. Die Vergebung von Weibern war 
Angelegenheit der Ältesten. Nach den Sitten durften junge Weiber 
keinen alten Mann heiraten. Auch aus der Klasse der Alten konnte 
kein Mitglied in die jüngere Klasse heiraten. Der Grund ist in 
ökonomischer Einrichtung zu suchen. Es wäre unwirtschaftlich gewesen, 
hätte ein junges Weib einen Mann geheiratet, der nicht mehr mit zum 
gefährlichen Jagen auszuziehen brauchte, da schon alte Weiber da waren, 
die ebenfalls zum Tragen von Jagdbedarf unfähig waren, ebenso auch 
auf der Suche nach Wurzeln, Beeren usw. Aber noch einen anderen 
Verlust hätten die Alten erlitten, indem der alte Mann ebenfalls nutzlos 
gewesen wäre, wenn er eine junge Frau heiratete. Auf die Jagd konnte 
oder brauchte er nicht mehr. Er hätte somit einem heiratsfähigen, sagen 
wir besser einem arbeitsreifen Jüngling die Gefährtin fortgenommen, der 
dann nicht eher in den Arbeitstrupp eingereiht werden konnte, bis eine 
Gefährtin für ihn da wa,r. Bis dahin blieb er unter den Jugendlichen. 
Die Weihe zum Manne und Jäger war eine ehrende, und jeder war be 
strebt, sich tüchtig zu zeigen, um ein Weib sein Eigen zu nennen. Die 
Alten dachten nicht daran, die Tochter aus Gefälligkeit einem Manne 
zu geben, die ja vorher für ihn im Dienste war. Dei* Schwiegersohn 
mußte ihm selbstverständlich in erster Linie von seinem erlegten Wild 
bringen. Je mehr Töchter er hatte, um so mehr Schwiegersöhne konnte 
er verpflichten. Man kann sich nun vorstellen, daß auf die Dauer das 
Wild nicht planlos gejagd werden konnte. Die Menschen wurden mehr, 
die Jagdmethoden und Mittel besser und das Wild weniger. Das Jagen 
mußte organisiert werden. Die Jagdgründe wurden immer mehr in die 
neu entstehenden Horden geteilt. Der Austausch des Wildes von Horde 
zu Horde wurde von den Alten getätigt. Es entstand das Eigentum der 
Horde am Gebiet, das scharf begrenzt war. In der Entwicklung kam es 
sogar dazu, daß bestimmte Mitglieder nur ein bestimmtes Wild jagen 
durften, um es vor Ausrottung zu schützen. Diese Tierart war ihr 
totales Eigentum oder, wie sich Eildermann ausdrückt, es wurde tote- 
miert oder geheiligt. Niemand durfte diese Tierart jagen außer dem 
Totemjäger. Heute noch finden wir ähnliches bei den Israeliten, nur ein 
bestimmter Mann darf das Schlachten vornehmen, während bei uns 
jeder sein Vieh selbst schlachten kann. Diese Einteilungen bedingten auch 
einen größeren Aufwand im Austausch in der Horde selbst, und mit 
anderen Horden. Es ist leicht erklärlich, daß ein Mann, der mehrere 
heiratsfähige Töchter hatte, diese an Jäger vergab, von den jeder ein 
anderes Tier jagde. Dadurch wurde sein Speisezettel vielseitiger. Die 
Entwicklung änderte das Gesellschaftsleben sehr oft. Wir können noch 
bis heute bei uns verfolgen, daß die Frau in der Familie im allgemeinen 
einen größeren Einfluß ausübt als der Mann. Das ist und war bedingt 
durch die Abwesenheit des Mannes im Kampf um die Nahrung. Im 
anderen Falle aber durch die Zuneigung des Mannes zur Frau. Diese 
Zuneigung überwiegt die Elternliebe des Mannes. Die Frau dagegen ist 
von Jugend an durch die Eltern stärker beeindruckt als der Mann. Sie 
kann sich weniger leicht von den Eltern lossagen. So haben wir schon
	        

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